
Die Zone
Was passiert, wenn ein Ort alle Grenzen aufhebt – die des Raums, des Körpers, des Wissens? Die Kulturwissenschaftlerin Julia Grillmayr nimmt das Motiv der Zone in der Spekulativen Fiktion unter die Lupe und fragt, was es bedeutet, eine Welt zu bewohnen, die sich nicht beherrschen lässt.
Slowly, it‘s taking over me (Britney Spears: Toxic, In the Zone, 2003)
You are about to enter another dimension, a dimension not only of sight and sound but of mind. A journey into a wondrous land of imagination. (Intro der ersten Staffel von The Twilight Zone, 1959)
Von Julia Grillmayr
«Den Aufzeichnungen zufolge, die man uns gezeigt hatte, war der ersten Expedition nichts Ungewöhnliches in Area X aufgefallen, nichts als unberührte, leere Wildnis.»(1) Area X ist unberührte Natur, frei von Mensch, frei von Bedeutung, ‹leer›. Im 21. Jahrhundert und an einer nordamerikanischen Küstenregion ist dies verdächtig genug. Eine geheime Regierungsorganisation namens Southern Reach tritt auf den Plan, um das Gebiet abzuriegeln und zu untersuchen. Dies ist die Prämisse von Jeff VanderMeers Roman Annihilation (2014). In der gleichnamigen Verfilmung von Alex Garland (2018) wird die Grenze der Area X als bunt schimmernde Erscheinung visualisiert, wobei «der Schimmer eine Schwelle [bildet], die man, ohne es sofort zu bemerken, überschreitet», wie Marie-Luise Angerer in ihrer Analyse des Films als feministische Spekulation schreibt.(2)
Die Southern Reach-Reihe, bestehend aus den Romanen Annihilation, Authority und Acceptance (alle 2014), sowie dem 2024 erschienen Prequel Absolution, erzählt von einer Zone. Die Expeditionen in diese Zone treffen allerdings nicht, wie eingangs vermutet, auf Leere, sondern auf Überfluss; auf ein ständiges und nie endendes Wandeln und Werden von Körpern, Sprache und Sinn. «Wer sich im Schimmer aufhält, ist innerhalb kürzester Zeit nicht mehr sie* selbst, sondern immer schon more than one.»(3)
Ganz generell gilt: Wenn wir Spekulativer Fiktion (SF) begegnen, tauchen wir in eine Welt ein, die anders ist als jene, die wir tagtäglich erleben. Science Fiction, Fantasy, Weird Fiction und übernatürlicher Horror geben uns eine Aufgabe auf. Wir schlagen ein Buch auf und sind sogleich auf Spurensuche. Was ist hier anders? Was unterscheidet die fiktionale Welt von meiner erlebten Realität? Die Zonenfiktion ist eine besondere Form des SF-Weltenbauens. Hier finden die spekulativen Merkwürdigkeiten in einem abgesteckten Bereich statt, während sich rundherum alles wie gewohnt zu verhalten scheint. Es gibt ein Außen und ein Innen und dazwischen klare Grenzen – zumindest vorerst und vermeintlich. Bis man dann von der Zone verschlungen wird.

Während der Expedition in die Area X erkennt die Biologin: «Aber welche Macht auch immer sich aufgemacht hatte, Area X zu bewohnen, mir war inzwischen klar geworden, dass man einen Guerillakrieg führen musste, wenn man sie überhaupt bekämpfen wollte. Man musste mit der Landschaft verschmelzen, […] so lange wie möglich so tun, als wäre sie gar nicht da. Ihre Existenz anzuerkennen, ihr einen Namen zu geben, konnte schon heißen, ihr Tür und Tor zu öffnen.»(4) Die namenlose Protagonistin ist der Guide der Leser*innen durch die rätselhafte Zone – allerdings nicht, weil sie das ungewohnte Regelwerk erklären kann, sondern weil sie, einer Sonde gleich, in Area X eingetaucht wird und sich auf die Zone einlässt. Sie hält nicht an ihren körperlichen und mentalen Grenzen, an ihrer Individualität und auch letztlich nicht an ihrer Menschlichkeit fest.
«Zonen durchkreuzen das Menschliche ohne Rücksicht auf die materiell-semiotischen Membranen, die menschliche Körper zusammenhalten», schreibt Alexander Popov.(5) Zonen sind also gleichermassen durch ihre Abgegrenztheit definiert, wie durch die Tatsache, dass sie sich überhaupt nicht an Grenzen halten, weder an territoriale noch an körperliche. «Sie sind klar abgegrenzt im Raum – als eine kontaminierte Sperrzone, ein Wald, ein Alien-Planet – aber aus menschlicher Sicht stellt sich die Grenze, die sie abschliesst, oft als etwas Komplizierteres und als eher porös dar.»(6) In Zone Theory. Science Fiction and Utopia in the Space of Possible Worlds (2023) untersucht Popov utopisch-spekulative Erzählformen der Gegenwart. Eine dieser Formen ist ‹zone fiction›.
Popov nennt Stanislaw Lems Solaris (1961) sowie auch die Southern Reach-Bücher als Zonenfiktionen-Beispiele. Er schreibt aber ausgehend von der sicherlich berühmtesten Zone der neueren SF, nämlich Picknick am Wegesrand (1972) von Arkadi und Boris Strugazki.(7) Hier werden, in offiziellen sowie unerlaubten Expeditionen, «ausserirdische Wunderdinge» aus einer mysteriös verstrahlten Zone geborgen: «die Attacks, die Armreifen, die die Lebensprozesse stimulieren, einige Sorten quasibiologischer Materie, die einen gewaltigen Umschwung in der Medizin bewirken... Wir haben neuartige Beruhigungsmittel in die Hand bekommen, Mineraldünger, die die Agronomie revolutionieren...».(8) Diese ausserirdischen Dinge werden benutzt, aber weder ihre Wirkweise noch ihr vorgesehener Zweck wird von den Menschen verstanden. Und auch hier wirkt die Zone weit über ihren abgesteckten Bereich hinaus.
Wie diese Beispiele zeigen, lässt uns das Motiv der Zone sofort an Kontamination und Katastrophe denken, aber es enthält meistens auch utopische Momente, Neuanfänge und Alternativen zum Status Quo.(9) In Zonenfiktionen treten oft Autoritäten auf, die versuchen, die etablierte Ordnung wieder herzustellen. In den Büchern von VanderMeer ist es die Southern Reach, in Picknick am Wegesrand das ominöse ‹Institut›. Wenn Zonenfiktionen das Scheitern dieser Versuche darstellen, erzählen sie vom Versagen «eine Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt, menschlich und nicht-menschlich, Innen und Außen, und so weiter, zu fixieren».(10) Die Zone macht Grenzziehungen allerart fraglich und fordert neue Weltbewohnungsweisen ein. Den Start dazu bildet das Bröckeln der alten Epistemologien; den Methoden, mit denen wir auf die Welt blicken und Wissen generieren.
Abgesehen von dem Ärgernis, dass Körper und Geist rasch verdaut werden, stellt sich nämlich auch die naturwissenschaftliche Untersuchung der Area X als schwierig heraus: «Ich war überzeugt davon, dass diese Zellen, wann immer ich durch das Okular des Mikroskops schaute, zu etwas anderem wurden, dass der pure Akt der Beobachtung alles änderte.»(11) Die Zone erlaubt kein unbeteiligtes Aussen. Hier gibt es keine Beobachter*innen-Position, die von Oben und mit Distanz auf andere Wesen und ihr Zuhause blicken und sich dabei raushalten kann – der ‹god trick› (Donna Haraway) funktioniert hier also nicht.(12) Der Mensch kann sich aus seiner Lebensgrundlage nicht mehr herausrechnen, wie das moderne westliche Wissenschaft und Technologieentwicklung lange suggeriert haben.
«Zone» ist ein gut gewählter Begriff, genau weil er keine feste Bedeutung hat!
«Kritische Zonen gewähren kein Aussen, keine sichere Distanz, aus der man auf die unordentliche Materie blicken kann», schreibt Jo Ziebritzki. «Bewusst kritische Zonen zu bewohnen, bedeutet anzuerkennen, dass sogar unser Schauen relational ist – es ist der Zusammenbruch des distanzierten Blicks.»(13) In einem wissenschaftlichen Sinn bezeichnet ‹Kritische Zone› die verhältnismässig dünne Schicht auf dem Planeten Erde, die von organischem Leben bewohnt werden kann. Sie wurde vor nicht allzu langer Zeit als Forschungsgegenstand entdeckt, um disziplinäre Grenzen zu sprengen und so fundamentale Fragen nach dem Zusammenleben und -wirken von Organismen und organischer, chemischer und mineralischer Umwelt zu untersuchen.(14) Dabei wurden Critical Zone Observatories an bestimmten Orten der Welt definiert. «‹Zone› ist ein gut gewählter Begriff, genau weil er keine feste Bedeutung hat! Er beschreibt etwas, das einen unsicheren Status hat, eine unklare Abgrenzung, eine beunruhigende Atmosphäre», schreiben Bruno Latour und Peter Weibel über dieses Konzept der Critical Zones, auf Basis dessen sie ein grossangelegtes Ausstellungs- und Publikationsprojekt ins Leben riefen, das Wissenschaften und Künste in Dialog brachte.(15)

In ihrem Beitrag zu Critical Zones schreibt die Philosophin und Wissenschaftstheoretikerin Isabelle Stengers über beziehungsweise gegen menschlichen Exzeptionalismus, also genau jene Idee, dass sich der Mensch unabhängig und auf Kosten von allen anderen Tieren und Umwelten entwickeln kann: «Menschliche Exzeptionalität spiegelt den Traum wider, Kontamination zu entkommen, noch konkreter, sie bringt Kontamination mit Schwäche in Verbindung und mit Defekt.»(16) Gemeinsam mit Anna Tsing, schlägt Stengers vor, Kontamination anders zu verstehen und die Idee, einer nicht-kontaminierten, rein menschlichen Identität als Fiktion zu entlarven: «Sich nicht kontaminieren zu lassen ist eine Sache der Hygiene, aber auch der Moral und der intellektuellen Pflicht. Es ist auch, was den Akt des Definierens bestimmt, nämlich ein Lebewesen zu betrachten, indem man es von dem loslöst, was es zum Existieren braucht.»(17)
Die Zone lässt es nicht zu, dass bewohnen mit beherrschen verwechselt wird.
In der Zone ist man also immer schon mittendrin und vermengt mit anderen, hat merkwürdige Nachbar*innen und wird selbst bewohnt. Zonen sind unheimlich, aber es wäre falsch zu sagen, dass sie für den Menschen nicht bewohnbar sind, vielmehr: «Zonen machen Eigenheime unmöglich, indem alles zu einem Zuhause wird.»(18) Zonen machen spürbar, dass die Welt für den Menschen mit-bewohnbar, aber (zumindest langfristig) nicht allein-beherrschbar ist. Anders gesagt: Die Zone lässt es nicht zu, dass bewohnen mit beherrschen verwechselt wird. Bei all diesen Verhängnissen ist die fiktionale Zone aber auch immer ein Experimentierraum, der Spass macht. Interessant ist, sich zu überlegen, wie ihre Merkwürdigkeiten nach dem Zuklappen des Buches, dem Abspann des Films oder dem Verlassen des Ausstellungsraums nachwirken und unsere alltäglichen Räume und Weltbegegnungsweisen verwirren könnten.
Julia Grillmayr forscht und lehrt an der Kunstuniversität Linz zu Science Fiction und ökologischen Fragestellungen innerhalb der Kulturwissenschaft. Man findet sie oft im Live-Radio-Studio des Wiener Freien Radios Orange, wo sie einen monatlichen SF Book Club moderiert, und noch öfter in den schlammigen Wäldern der Donau-Auen bei Wien.
Die Zone erschien am 14.03.2026 im For Magazin #12 Marble Melodies Fiction Zone und steht im Dialog mit der Ausstellung Priscilla Predator: geboren, leben sterben.
Literatur
(1) VanderMeer, Jeff 2014: Auslöschung*,* aus dem Englischen von Michael Kellner, München, 68.
(2) Angerer, Marie-Luise 2020: «No Stopping Points Anymore. Am Beispiel des Films Annihilation und anderer Geschichten», in: Angerer, Marie-Luise & Gramlich, Naomie: Feministisches Spekulieren. Genealogien, Narrationen, Zeitlichkeiten, Berlin, 101.
(3) Ebd., 105.
(4) VanderMeer: Auslöschung*,* 139–140.
(5) Popov, Alexander 2023: Zone Theory. Science Fiction and Utopia in the Space of Possible Worlds, Oxford, 280. Eigene Übersetzung. ‹Materiell-semiotisch› ist ein gängiger Begriff in der Akteur-Netzwerk-Theorie sowie auch in den Texten von Donna Haraway. Damit wird markiert, dass Sinn-Zusammenhänge auch immer materielle Komponenten haben und umgekehrt, dass Dingen, Technologien und Körpern auch immer symbolische oder andere sinngebende Eigenschaften sowie Machtgefüge und Handlungsmöglichkeiten eingeschrieben sind.
(6) Popov, 2023: Zone Theory, 261. Eigene Übersetzung.
(7) Ikonisch wurde der kurze Roman nicht zuletzt durch die lose an seinem Stoff orientierte Verfilmung von Andrei Tarkowski unter dem Titel Stalker (1979). Die Southern Reach-Bücher von VanderMeer sind ganz offensichtlich an diesen Fiktionen geschult und zitieren sie. Popov widmet sich ebenso ausführlich dem Roman Die Schnecke am Hang (1966) der Strugatzki-Brüder. Für den politischen Kontext der Romane und der Zonen-Narrative in Sovietischer und Prä-Sovietischer Literatur siehe das Kapitel «Roadside Picnic: The Original Zone», in: Popov*,* Zone Theory, 268-274.
(8) Strugazki, Arkadi und Boris 1976: Picknick am Wegesrand. Utopische Erzählung, Berlin, 2. Auflage, 257.
(9) Eine Beschreibung einiger science-fiktionale Zonen und ihrer unterschiedlichen Metaphoriken und Materialitäten liefert der Eintrag ‹Zone› in der Encyclopedia of Science Fiction: https://sf-encyclopedia.com/entry/zone [02.01.2026].
(10) Popov, Zone Theory*,* 261. Eigene Übersetzung.
(11) VanderMeer: Auschlöschung*,* 190.
(12) Vgl. Haraway, Donna J. 1991: «Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective», in: ders: Simians, Cyborgs, and Women. The reinvention of nature,** New York, 183–202.
(13) Ziebritzki, Jo 2020: «Sensorium of the Earthbound», in: Latour, Bruno & Weibel, Peter (Hrsg.): Critical zones: the science and politics of landing on earth, Karlsruhe: ZKM | Center for Art and Media, Cambridge, MA/ London, 260–263. Eigene Übersetzung.
(14) Vgl. Gaillardet, Jérôme 2020: «The Critical Zone, a Buffer Zone, the Human Habitat», in: Latour, Bruno & Weibel, Peter (Hrsg.): Critical zones : the science and politics of landing on earth, Karlsruhe/Cambridge, MA/London, 122–129. Eigene Übersetzung.
(15) Latour, Bruno & Weibel, Peter 2020: «Seven Objections Against Landing on Earth», in: ders. (Hrsg.): Critical zones: the science and politics of landing on earth, Karlsruhe/Cambridge/London, 12–19. Eigene Übersetzung.
(16) Stengers, Isabelle 2020: «The Earth Won‘t Let Itself Be Watched», in: Latour, Bruno & Weibel, Peter (Hrsg.): Critical zones: the science and politics of landing on earth, Karlsruhe/Cambridge, MA/London, 228–235, hier: 234. Eigene Übersetzung.
(17) Ebd., eigene Übersetzung. Siehe auch: Tsing, Anna Lowenhaupt 2015: The Mushroom at the End of the World. On the Possibility of Life in Capitalist Ruins. Princeton/Oxford.
(18) Popov, Zone Theory,** 281. Eigene Übersetzung.