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Europäische Kulturanthropo … was?

13. Januar 2026

Walter Leimgruber

Abschiedsvorlesung an der Universität Basel, Freitag, 13.12.2025

Die Bilder, die den Blog begleiten zeigen die Party nach der Abschiedsvorlesung. Fotografiert wurden sie von Anina Branger.

Freitag, der 13.! Eigentlich müssten Sie alle im Bett bleiben, um sich keiner Gefahr auszusetzen – ausser der, im Bett zu sterben natürlich, weil das der weitaus häufigste Todesort ist. Universitäten sind vergleichsweise sicher, deshalb haben Sie eine kluge Entscheidung getroffen, was mich überaus freut und wofür ich mich sehr bedanke.

Es liegt nahe, dass ich als Vertreter eines Faches, das den Namen Volkskunde trug, Freitag, den 13. als Datum der Abschiedsvorlesung wählte. Denn dafür sind wir offenbar zuständig, für die Banalitäten des Alltags, und werden jedes Jahr von den Medien bestürmt: Woher kommt der 1. April, warum ist Halloween erfolgreich, seit wann gibt es den Weihnachtsbaum? Dass die Geschichte des Faches viel komplizierter ist und auch zu Namenswechseln geführt hat, darauf verweist der Titel meiner Abschiedsvorlesung: «Europäische Kulturanthropo …was?».

Wir nennen uns intern ironisch das Vielnamenfach, was marketingtechnisch allerdings eine Katastrophe ist. «Volkskunde» wurde seit den späten 1960er Jahren als Bezeichnung abgelöst von einer Vielzahl neuer Begriffe, beginnend mit «Empirische Kulturwissenschaft», wie heute auch die Fachgesellschaften heissen, gefolgt von «Kulturanthropologie» und «Europäischer Ethnologie» und weiteren Varianten. In der Schweiz hat es – wie immer – etwas länger gedauert. Wir heissen in Basel als Einheit: «Seminar für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie», Resultat einer stundenlangen Fakultätsdebatte (was natürlich ein Pleonasmus ist), bei der mein Antrag, der einen Schrägstrich enthielt, abgelehnt wurde mit der Begründung, der Schrägstrich sei semantisch uneindeutig, und an seiner Stelle ein «und» eingefügt wurde. Nun, das «und» ist eindeutig falsch, aber von der Fakultät als richtig interpretiert, was die Haltung der Geisteswissenschaften bestätigt: Nichts ist real, ausser man konstruiert es. Kurz darauf wurde der Name des Studienfachs im Bachelor und Master festgelegt. Dafür war nun das Rektorat zuständig, und dieses verlangte, dass der Name auf Englisch eindeutig funktioniert – was bei «Kulturwissenschaft» und «Europäische Ethnologie» aus verschiedenen Gründen nicht ganz einfach ist, so dass man sich auf «Kulturanthropologie», im Fach ohnehin seit Jahrzehnten verankert, einigte. So haben wir alleine in Basel drei Bezeichnungen für Seminar und Fach, was ich den Studierenden als Mehrwert verkaufe: Ein Studium, drei Berufsbezeichnungen. Aber ansonsten ist das Durcheinander gross: Selbst in Departement und Fakultät, aber auch ausserhalb der Uni werden die Begriffe beliebig zusammengewürfelt, etwa zu Europäische Kulturanthropologie, Populäre Volkskunde und so weiter. Am liebsten ist es mir, wenn ich als Professor für Volkswirtschaft vorgestellt werde, assoziiert das doch eine gemütliche Kneipe, und für das Gemütliche sind wir ja zuständig.

Warum ist der Name mehr als eine Anekdote? Er steht für die Rolle des Faches seit seinen Anfängen. Wir sind in den Augen vieler zuständig für das, was mit Tradition, Kulturerbe oder Alltagskultur umschrieben wird. Und das scheint zu wenig präzise. Uns fehle der USP, das Alleinstellungsmerkmal, sagte der damalige Rektor vor einigen Jahren an einer Veranstaltung unserer Fachgesellschaft, die immerhin seit fast 130 Jahren existiert, und unseres Faches, das immerhin zu den grossen Drittmitteleinwerbern der Fakultät gehört und mehr Studierende hat als ganze Departemente mit einem Vielfachen an Professuren. Stimmt seine Aussage? Das bleibt zu diskutieren.

Aberglaube, Volksglaube

Was ist denn nun unser USP und warum ist er so schwer zu entziffern? Ich möchte diese Frage in mehreren Schritten beantworten, die zugleich thematische Schnitte durch unsere Fachgeschichte sind. Das erste Thema ist, wie könnte es am Freitag, dem 13., anders sein, das, was häufig als «Aberglaube» bezeichnet wird, Vorstellungen aller Art, die sich weder rational erklären lassen noch von der offiziellen Theologie gestützt werden, aber universell verbreitet sind, ein Thema, das unser Fach seit jeher begleitet hat, u.a. mit dem «Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens», zwischen 1927 und 1942 vom Basler Volkskundler Hanns Bächtold-Stäubli herausgegeben, unter Mitwirkung von Eduard Hoffmann-Krayer, der nicht nur das Fach in Basel institutionalisiert, sondern auch die Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde (heute Empirische Kulturwissenschaft Schweiz) und die Abteilung Europa im heutigen Museum der Kulturen gegründet hat. Dort kann man in der Ausstellung «12'000 Dinge» übrigens seinen Anzug, seine Schuhe und seine Unterwäsche sehen.

Aberglaube ist als Begriff negativ konnotiert, als abweichend vom richtigen Glauben einerseits, vom Verständnis der Welt, wie es sich mit der Aufklärung durchzusetzen begann, andererseits. Und der Begriff zeigt das Aufgabenfeld der Volkskunde: Sich mit dem zu beschäftigen, was mit dem Einsetzen der Moderne als nicht mehr zeitgemäss gesehen wurde. Und das dennoch universell ist, also die Tradition, das Althergebrachte. Die Volkskunde ersetzte den Begriff häufig durch Volksglauben, um ihm seinen negativen Beigeschmack zu nehmen. Doch der Begriff «Volk» selbst wurde immer stärker als nicht zu den Ideen der Moderne passend verstanden.

Hier liegt das erste fundamentale Missverständnis, welches die Fachbezeichnung so schwierig macht. Denn Volk ist zunächst ein revolutionärer, kein traditioneller Begriff, bezeichnet mit der Aufklärung, der französischen und amerikanischen Revolution die damals unerhörte Einstellung, dass die Menschen gleich seien, gleiche Rechte hätten. Diese revolutionäre Idee setzte sich in der Region, die man als den Westen bezeichnet, nach und nach durch. Doch für diese Durchsetzung brauchte es zunächst mehr Kenntnisse über dieses unbekannte Wesen «Volk», so dass sich nun Wissenschaftler aufmachten, es zu ergründen – die Gebrüder Grimm etwa. Denn dieses Volk war den herrschenden Schichten so fremd wie die Völkerschaften ferner Länder, für die ebenfalls ein Fachgebiet geschaffen wurde – die Völkerkunde. Zu den Ahnen unseres Faches gehören Philosophen wie Johann Gottfried Herder, der in der je einzigartigen Volksseele, die es durch Sprache, Lieder und andere kulturelle Produktionen zu erfassen gelte, den Anspruch auf Selbständigkeit jedes Volkes ableitete – ohne übrigens irgendeine Hierarchisierung vorzunehmen. Damit war die Volkskunde eben nicht nur für die der Moderne abgewandte Seite der Entwicklung, die Tradition zuständig, sondern ganz direkt für das Moderne an sich, das Volk und die Ansprüche, daraus eine Nation zu formen, was die folgenden Jahrhunderte nachhaltig und auch mit allen negativen Konsequenzen prägte.

Hier besteht bis heute ein Missverständnis der Moderne über sich selbst. Als modern wurde nämlich nur das gesehen, was den jeweiligen Kriterien entsprach. Die Kehrseite, die unweigerlich mit diesem Vorwärtsstreben verbunden war, die Kritik, das Beharren wurden als «unmodern» ausgeklammert, um der Moderne jenen Touch zu verleihen, mit dem sie sich bis heute so gerne umgibt: Fortschritt, Rationalität, Menschenrechte. Doch diese Sicht der Moderne auf sich selbst ist Wunschdenken, denn die Moderne erzeugt gleichzeitig das von ihr als unmodern Gesehene.

Der Aberglaube ist hierfür ein schönes Beispiel: In unseren Köpfen existiert nach wie vor das Bild, die Moderne habe den Aberglauben bekämpft und zurückgedrängt; ein Bild, das ihn primär der Vormoderne zuweist. Doch in Wirklichkeit blüht der Aberglaube in der Moderne auf, in unzähligen Formen und Varianten. Und ist bis heute eine gesellschaftsbestimmende Kraft.

Moderne und Tradition

Die Moderne erweist sich hier wie in vielen anderen Fällen nicht als Fortschrittsgeschichte. Wir mögen es Esoterik nennen, Spiritualität, Magie oder wie auch immer, die Varianten sind zahlreich und nur zu häufig mit Verschwörungstheorien aller Art verbunden, nicht anders als zu den Zeiten, als man Juden der Kinderopfer bezichtigte. Etwa ein Viertel der US-Amerikanerinnen und -Amerikaner (und die Hälfte der Trump-Anhänger) glaubt, die demokratische amerikanische Elite unterhalte einen Kinderhandelsring, um Minderjährige zur Prostitution zu zwingen und aus ihrem Blut ein Verjüngungsserum zu gewinnen. Die Rede von Kinderschändern und «Grooming» ist so normal geworden, dass sie gar nicht mehr als Verschwörungstheorie wahrgenommen wird. Und wenn Sie nun schmunzeln und denken: Ja, ja, diese Amerikaner: Laut einer neuen Untersuchung neigen 37 % der Schweizerinnen und Schweizer zu Verschwörungstheorien.

Die Moderne hat die Macht des institutionalisierten Glaubens zurückgedrängt (wenn auch nur in Europa). Daraus aber einen fortlaufenden Rationalisierungs- und Säkularisierungstrend abzuleiten, ist zu einfach. Neue Glaubensgemeinschaften aller Art sind weltweit auf dem Vormarsch, indem sie zunehmend auch die dominierende Macht der Aufklärung in Frage stellen, diejenige Macht, welche die Vormachtstellung der Kirchen als Deuterin der Welt übernommen hat, nämlich die Wissenschaft. Ob HIV, Corona oder Klimakrise, ob Impfen oder Biodiversität: Überall spriessen Theorien aller Art, die man auf keinen Fall mit wissenschaftlicher Methodik begründen kann, ergreifen nicht nur Randgruppen, sondern entfalten in allen gesellschaftlichen Schichten enormen Einfluss. Wir sind nie modern gewesen, könnte man mit Bruno Latour sagen. Doch das scheint mir zu kurz zu greifen. Denn unzweifelhaft haben das 19. und 20. Jh. gewaltige Entwicklungsschübe gebracht, eine Akzeleration auf unterschiedlichsten Ebenen, wie sie keine Gesellschaft früher und anderswo erlebt hat und die man daher als «modern» bezeichnen kann. Immer aber verbunden mit Kriegen und Vernichtungen, begründet mit einem Volksbegriff, der von einem revolutionären Konzept zur Waffe der Dominanz wurde – nicht zuletzt unter dem Einfluss der Evolutionstheorie, die so viele neue Erkenntnisse ermöglichte und zugleich – auf die Menschen übertragen – zum theoretischen Angelpunkt von Rassismus, Kolonialismus und Vernichtung sogenannt «unwerten Lebens» wurde.

Mit dem Evolutionismus verbunden sind Kulturtheorien, welche die Kulturen und Völker einordnen auf einer Skala zwischen «primitiv» und «zivilisiert». Dieses Messen an einer Messlatte, welche die eigene Kultur als die fortschrittlichste sieht, hat nicht nur unser Fach, sondern die gesamte Wissenschaft bis in die Mitte des 20. Jhs. dominiert. Danach haben die Schockwellen der Weltkriege und Vernichtungen den deutschen Begriff «Volkskunde» zunehmend untragbar gemacht. Es folgte eine intensive Auseinandersetzung mit den problematischen Seiten des Volk-Konzeptes, das Fach benannte sich im deutschsprachigen Raum um. Das gilt auch für die Schweiz, wo die Fachgeschichte eine gänzlich andere war. Ein Ausweichen unter der Flagge der Neutralität, unser Nationalsport, war dennoch nicht möglich. Andere Fächer folgten dieser Aufarbeitung; sichtbar wurde, dass nicht ein Fach, sondern die Wissenschaft insgesamt in totalitären und autoritären Systemen missbraucht und manipuliert wird, sich auch missbrauchen und manipulieren lässt.

Nicht zuletzt diese Erfahrungen haben unser Fach zu einem selbstreflexiven gemacht, das sich dauernd die Frage stellt, aus welcher Perspektive wir Themen untersuchen, welchen Einfluss die Forschenden auf ihre Untersuchungsfelder nehmen. Wir schreiben uns daher auch in den Text, um unsere Position sichtbar zu machen; eine Angewohnheit, die andere Fächer häufig belächeln; Fächer, die gerne noch in der «wir»-Form schreiben, als Stellvertreter Gottes sozusagen, die aus einer Position des Nirgendwo alles sehen, obwohl keine Beobachtung und kein Experiment unabhängig vom Standpunkt des Betrachtenden möglich sind. Ohne Vorannahmen, ob theoretisch begründet oder implizit, können wir keinen Teilchenbeschleuniger bauen, und genauso wenig können wir gesellschaftliche Phänomene untersuchen.

Den angeblich allgemein gültigen, objektiven Standpunkt der Wissenschaft in Frage zu stellen, das ist die grosse Leistung der Kulturanthropologie im 20. Jh. Was heute als Kulturrelativismus kritisiert wird, ist also das Resultat der Auseinandersetzung mit eben jenem Standpunkt, der die Moderne und den Westen, die Moderne des Westens auf der Basis der Evolutionstheorie als Mass aller Dinge sah. Es war etwa die Erfahrung eines ausgewanderten Deutschen jüdischer Herkunft, Franz Boas, die dazu führte, dass ein neuer Blick auf Gesellschaften entwickelt wurde. In Boas Fall auf die indigenen Kulturen Nordamerikas, die er nicht länger am Massstab der westlichen Zivilisation gemessen und automatisch als minderwertig taxiert, sondern aus sich selbst heraus zu verstehen versucht hat. Jede Kultur (man sprach nun nicht mehr von Völkern, sondern von Kulturen oder Gesellschaften) entwickelt ihre eigenen Muster, die es zu erkennen gilt, so die anthropologischen Theoretiker und immer zentraler auch Theoretikerinnen des 20. Jhs. Es ist bis heute eine zentrale Frage geblieben und wird durch Globalisierung und Migration akzentuiert, wie genau eine kulturrelativistische Position zu definieren ist, wo Grenzen zu ziehen sind.

Doch vorerst, ich rede von der zweiten Hälfte des 20. Jhs., schien die Welt in Ordnung. Wir beschrieben Kulturen, meist die anderen, selten die eigenen, denn auch wenn wir den Alltag eines Walliser Bergdorfs untersuchten, waren es in der Regel Andere aus der Perspektive der forschenden Angehörigen des Basler oder Zürcher Bürgertums. Wir versuchten, deren Regeln herauszudestillieren, denn die zentralen Theorien des 20. Jhs. wie der Funktionalismus gingen davon aus, dass in einer Gesellschaft wie in einem biologischen Prozess oder wie in einer Maschine alle Teile sinnvoll ineinandergreifen. Die Kulturwissenschaft folgte damit dem zentralen Thema der nun auf industrielle Massenproduktion eingestellten Moderne: Stabilität, Funktion, Struktur. Sie sah Kultur als ein integriertes System von Einstellungen, Handlungen und Gegenständen, die innerhalb des kulturellen Ganzen ‹zweckbestimmt› sind. Prozesse der Veränderung wie auch Konflikte liessen sich mit diesem mechanistischen Ansatz aber kaum befriedigend erklären.

Die Moderne war auf dem Höhepunkt, war tolerant geworden, weil stabil und augenscheinlich unbesiegbar, machte sich daran, die letzten Rätsel dieser Welt zu lösen.

Verlierer im Fokus

Die Volkskunde beschäftigt sich, um ein weiteres Thema zu nennen, auch mit den Sitten und Bräuchen der verschiedenen Gruppen, wie die altertümlichen Begriffe lauteten. Auch dies ein heute gerne banalisiertes Thema. Das Fach huldige der «Andacht zum Unbedeutenden», wurde etwa gespottet. Heute sprechen wir von Norm, Stigma, Ritual. Das tönt trendiger. Aber ein Shit Storm auf Social-Media funktioniert noch immer gleich wie das Charivari, die Katzenmusik, mit dem im Dorf etwa unliebsame Ehen zu rechnen hatten, mit dem gleichen moralistischen Anspruch, der schon die dörfliche Gemeinschaft prägte, nur dass die einbezogene Gruppe wesentlich grösser geworden ist.

So wie der Aberglaube von fundamentaler Bedeutung ist, sind es auch Sitte und Brauch, weil hier die Regulierungsmechanismen von Gesellschaften sichtbar werden. «Würde man das Inventar aller Bräuche, die je beobachtet, in Mythen ersonnen , … wurden, zusammenstellen, dann erhielte man schliesslich eine Art periodischer Tafel ähnlich derjenigen der chemischen Elemente, in der sich alle realen oder auch nur möglichen Bräuche zu Familien gruppieren würden, sodass man nur noch herauszufinden brauchte, welche von ihnen die einzelnen Gesellschaften tatsächlich angenommen haben», schrieb der grosse strukturalistische Anthropologe Claude Lévi-Strauss. Diese Vorstellung eines begrenzten kulturellen Repertoires, das universell ist und nur in seinen jeweiligen Zusammenstellungen variiert, war faszinierend für die Wissenschaft, die stets nach dem grossen Erklärungsmodell, der Metatheorie suchte. Diese kulturellen Grundelemente global zu entziffern, würde es ermöglichen, Gesellschaften zu steuern – ein Traum, oder vielmehr ein Albtraum.

In unserem Fach waren es praktisch immer die Gruppen, die als Verlierer des Modernisierungsprozesses erschienen, die im Mittelpunkt standen. Zunächst die Bauern, die als Folge von Industrialisierung und Urbanisierung von der grossen Mehrheit zur verschwindend kleinen Minderheit wurden, zugleich aber auch zum Hort der Tradition und Bewahrung – ein Vorbild, das man um so stärker idealisierte, je kleiner die Zahl wurde. Doch die ehemaligen Verlierer werden im Laufe der Zeit oft zu Gewinnern, heute – als zahlenmässig unbedeutende Gruppe eine Macht auf sich vereinend und in einem Ausmass unterstützt, wie es für jede andere Gruppe undenkbar wäre. Nicht nur sind Gesetzgebungen gegen ihren Willen unmöglich, sie dürfen offenbar auch Regeln brechen. Vor wenigen Monaten hat die EU nach Strassen-Blockaden der Bauern eine Reihe von Beschlüssen zurückgenommen – von solchen Erfolgen können die Klimakleberinnen und -kleber nur träumen.

Das Fach wandte sich im Laufe der Zeit einer nächsten grossen Verlierergruppe zu, der Arbeiterschaft, die seit dem 19. Jh. rasch wuchs, aber lange für ihren Anteil am wachsenden Wohlstand kämpfen musste, auch um Anerkennung ihrer kulturellen Verhaltensweisen, der Populärkultur, die als minderwertige, konsumorientierte Massenkultur verspottet wurde. Doch aus dieser Kultur wurde der Mainstream heutiger Kulturformen, und die Arbeiterschaft sicherte sich ihren Platz in der Gesellschaft.

Es ist dies wohl das prägendste Merkmal der westlichen Moderne, dass sie es immer wieder geschafft hat, die zunächst als Verlierer dastehenden Gruppen zu integrieren, sie in den Prozess des wachsenden Wohlstands, aber auch der zunehmenden individuellen Freiheit einzubinden. Resultat ist das System des Sozialstaates, das die aufklärerische liberale Idee von Leistung und individueller Freiheit verbindet mit einem Absicherungssystem, und das für Jahrzehnte zu wachsendem Wohlstand und gesellschaftlichem Konsens führte.

Da unser Fach aber wie erwähnt mit der Unterseite der Moderne verbunden ist, dem Nichtintegrierten, suchte es sich ein weiteres Feld, das nicht zuletzt in der Geschlechterfrage auftauchte. Denn die Rolle der Frauen in der bürgerlichen Gesellschaft war die der Ausgrenzung aus allem, was an Idealen von Freiheit und Gleichheit gepredigt wurde. Ihr Kampf war der längste, er ist auch noch nicht abgeschlossen, aber dennoch läuft auch hier der Gleichstellungsprozess, gegen grosse Widerstände, mit Backlashes, aber auch mit Erfolgen, welche die Welt unserer Grossmütter antiquiert erscheinen lässt.

Ausweitung und Überforderung

Für einen Moment schien es daher in der Tat, als sei das vielzitierte Ende der Geschichte erreicht, die Erfolgsgeschichte der Moderne alternativlos, die Integration aller wesentlichen Gruppen mehr oder weniger gelungen, ein zukunftsorientierter Optimismus gerechtfertigt.

Das Fach hingegen blickte auf weitere Gruppen, die sich nicht als Teil der Fortschrittsgeschichte sahen. Kleinere, lange Zeit Subkulturen genannt, die mit allen möglichen Mitteln ihre Eigenständigkeit wie auch ihre Widerständigkeit betonten, sei es auf der Basis ihrer kulturellen Produktion (Punk, HipHop), ihrer sexuellen Orientierung (Queerszene), ihrer ethnischen Zugehörigkeit (in meinem Fall: Jenische) oder ihrer sozialen Randposition. Eine grosse Gruppe, die schnell bewusst machte, dass der bisherige Blick auf die Gesellschaft, der kaum je eine nationale Perspektive überwunden hatte, den Wandel nicht mehr erfasste, sind die Migrantinnen und Migranten, die seit dem Zweiten Weltkrieg in die reichen Länder strömten. Denn diese machen deutlich, dass das Denken in nationalstaatlicher Engführung nicht mehr funktioniert, dass eine neue Perspektive, die der Globalisierung gefragt ist, die bewusst macht, wie sehr wir technisch, kommunikativ, wirtschaftlich und eben auch menschlich miteinander verbunden sind. Es sind wiederum Volkskundler, die sich früh für diese Gruppe interessieren: Richard Weiss, Professor in Zürich, tat dies bereits 1960/61 in Lehrveranstaltungen und als Mitglied einer nationalen Studienkommission, die «das Problem der ausländischen Arbeitskräfte unter ökonomischen, bevölkerungspolitischen, soziologischen und staatspolitischen Gesichtspunkten» zu prüfen hatte. Rudolf Braun, Schüler von Weiss und später Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, begann Mitte der 60er Jahre mit den Erhebungen zu seiner bahnbrechenden Studie «Sozio-kulturelle Probleme der Eingliederung italienischer Arbeitskräfte in der Schweiz». Und Arnold Niederer wehrte sich als Spezialist für die Kulturen des Mittelmeerraums gegen die Überfremdungsinitiative und vermittelte seine Kenntnisse an ein breites Publikum.

Zwei Entwicklungen, die parallel laufen, werden sichtbar: Erstens eine enorme Ausweitung der Perspektive, die bisher primär nationalstaatlich und sekundär auf die westliche Welt ausgerichtet war, auf eine globale Ebene, in welcher Themen, Fragen und Problemlagen in immer komplexeren Interdependenzketten miteinander verflochten sind. Und zweitens eine Entwicklung, die auf gesellschaftlicher Ebene nach einem kurzen Höhenflug des Multikulti-Idealismus vor allem zu einem Gefühl der Überforderung auf allen Ebenen führte. Dieses Gefühl von Ausgeliefertsein gehört seither zu den dominierenden, in direkter Form etwa bei all jenen Menschen, die durch die Deindustrialisierungs-Prozesse in ein existentielles Loch katapultiert wurden, vom amerikanischen Rust Belt über die britischen Midlands zur ehemaligen DDR und zu peripheren Abwanderungs- und Entleerungsgebieten von Zentralspanien bis auf den südlichen Balkan. Aber interessanterweise ist dieses Gefühl auch bei Gruppen spürbar, in deren Alltag die Folgen dieses Prozesses noch gar nicht konkret geworden sind. Allerdings sind sie hier zumindest abstrakt vorhanden, als Bedrohung durch die Auswirkungen menschlichen Tuns auf die Natur (z. B. Klimakrise), aber auch durch das immer undurchschaubarer wirkende Geflecht von Menschen, Infrastrukturen, Techniken und natürlichen Gegebenheiten. Diese Verbindungen waren aus den Kulturwissenschaften lange Zeit ausgeblendet worden, weil man ja eben Kultur, also Menschen, untersuchte, und machen nun mit gewaltiger Kraft ihren Einfluss auf eben diese Kultur geltend.

Doch damit nicht genug: Der Erfolg der zunehmend globalisierten Moderne führte zu weiteren Entwicklungen, die das Gefühl des Ausgeliefertseins verstärkten: Zum einen ist die Individualisierung zu nennen, ausgelöst durch den seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs unvergleichlichen Anstieg an Konsummöglichkeiten wie an Denkfreiheiten. Mit dem Einbezug grosser gesellschaftlicher Gruppen und dem Verwandeln von Verliererinnen und Verlierern in Siegerinnen und Sieger schien der Integrations-Prozess abgeschlossen zu sein. Doch es passierte das Umgekehrte: Die Gesellschaft wurde und wird geradezu atomisiert, weil die Möglichkeiten, sich als Individuum zu positionieren, nun fast grenzenlos sind. Selbstreflexion und Selbstverwirklichung sind im Denken der Aufklärung angelegt, haben aber eine Stufe erreicht, in der viele Menschen ausschliesslich mit sich selbst beschäftigt sind.

Viele Auslöser sind für diese Entwicklung zu nennen: Der vielzitierte Neoliberalismus, der die Einzelnen selbstverantwortlich und losgelöst von den vorher so stark betonten Strukturen sieht und sie in einen dauernden Kampf von Ich-AG gegen Ich-AG schickt. Margaret Thatchers Aussage, so etwas wie Gesellschaft gebe es nicht, hat sich geradezu als self-fulfilling prophecy erwiesen. Aber weitere kulturelle und mediale Ebenen spielen mit, weil immer mehr Alltagselemente einem konstanten Performativitäts-Druck ausgeliefert sind: Aussehen, Beziehung, Beruf. Eine gewaltige Selbstoptimierungsindustrie ist entstanden. Der Politologe Markus Freitag spricht von einer Zeit, in der die uneingeschränkte Selbstverwirklichung immer mehr zur Conditio sine qua non erhoben werde. Jede noch so kleine Normierung des Zusammenlebens gelte als unerhörte Einschränkung einer ungestörten individuellen Lebensführung. Die politischen Folgen einer solchen Anspruchsgesellschaft im Umfeld komplexer Sachzwänge könnten wirklich Angst machen, meint er. In der Tat: wir erleben die Ironie der vollständigen Zersplitterung im Moment der vollständigen Globalisierung und Universalisierung der Problemlagen.

Die Folge davon ist eine Aufspaltung in kleinste Gruppen, die ihre Haltung als die einzig richtige sehen und andere Positionen vehement zurückweisen und die sich weigern, alternative Meinungen anzuhören, vor jeder unangenehmen Aussage eine Trigger-Warnung erwarten, in Safe Spaces ihre Ruhe suchen und in digitalen Echo-Kammern nur dem lauschen, was sie schon zu wissen glauben. Gruppen, die einerseits Achtsamkeit einfordern und andererseits gegenüber anderen Positionen eine ungeheure Aggressivität an den Tag legen. Alle sind wütend, die Diskussionen giftig, man schimpft endlos über die Grünen, die Klimakleberinnen, die Rassisten, die Autofahrer, die Flüchtlinge, die Schmarotzer aller Art. Man hört viele böse Aussagen in einer Gesellschaft, in der die Toleranz doch in vielen Bereichen immer grösser geworden ist (Geschlechterrollen, sexuelle Normen, Religion). Hat dies damit zu tun, dass alle davon ausgehen, dass es in Zukunft nicht mehr zu verteilen gibt, also jede Gruppe etwas zusätzlich erhält, wie das in Zeiten der Hochkonjunktur der Fall war, sondern jeder Erfolg auf Kosten von etwas anderem gehen muss? Sind rationale und zivilisierte Debatten nur dann möglich, wenn sie auf Wachstum in irgendeiner Form basieren? Zerbricht das Reden von Kompromiss und Toleranz, sobald ein Horizont aufscheint, der nicht mehr hell und strahlend ist?

TripleA, wie ich es nenne, das «achtsam-aggressive Ausschliessen», ist in der Zwischenzeit so umfassend, dass wir zu einer Opfer-Gesellschaft geworden sind, in der es niemanden mehr gibt, der sich nicht als Opfer sieht: Von den Migrierenden, die sich einer unfreundlichen, oft diskriminierenden Gesellschaft gegenübersehen, bis zu den Einheimischen, die ihre Heimat nicht mehr wiedererkennen, weil sie ihnen fremd geworden ist, von den trotz harter Arbeit sozialhilfeabhängigen Alleinerziehenden bis zu den Familienfrauen, die sich in ihrer Rolle nicht mehr wertgeschätzt sehen, vom Mittelstand, der sich vom Abstieg bedroht sieht, bis zu den Superreichen, die sich von Neid umgeben wähnen und aus Angst vor entsprechenden Initiativen auswandern wollen, von all den LGBTQIA+ Fraktionen (eine Bezeichnung, welche die Aufsplitterung in beliebig kleine Einheiten direkt veranschaulicht) bis zu den Cis-Männern, die ihre Männlichkeit nur noch in Schwitzhüttenritualen zuhinterst im Napfgebiet ausleben dürfen. Online wird diese Neigung zur je spezifischen Opferrolle von Algorithmen unterstützt, die unserem Profil entsprechend die Informationen so filtern, dass immer kleinteiligere Opfergrüppchen resultieren, die Aufspaltung unaufhörlich fortschreitet. Und auch diejenigen, die ich als Gewinnerinnen und Gewinner der Moderne bezeichnet habe, sehen sich nun als Verliererinnen und Verlierer. Die Bäuerinnen und Bauern sind trotz ihrer Macht frustriert über die schnell abnehmende Anzahl Betriebe und ihre Sandwichposition zwischen Saatgutmonopolisten, Lebensmittelgiganten, Konsum- und Umweltwünschen. Die Arbeiterinnen und Arbeiter haben längst Abschied genommen von ihren ursprünglichen, den linken Parteien, von denen sie sich nicht mehr vertreten fühlen. Und Frauen sehen sich eingezwängt zwischen hartnäckigen patriarchalen Strukturen und den Ansprüchen neuer Gruppen, von denen sie sogar aus der Sprache entfernt werden, wenn von «Menschen mit Uterus» die Rede ist.

Es fallen immer wieder Vergleiche mit Stämmen, wenn von solchen Entwicklungen die Rede ist, von Neotribalismus sprechen Forschende, einen Rückfall in vormoderne Zeiten signalisierend. So verlockend dieser Blick ist: Stämme haben auch in einfachster Form eine hochkomplexe Struktur, um die Bedürfnisse aller vom Säugling bis zu den Alten abdecken zu können. Sie leben zudem nicht in hyperkomplexen globalen Figurationen, sind aber auch nicht isoliert, sondern pflegen differenzierte Beziehungen zu anderen Stämmen, alles Dinge, die die heutigen Opfer-Bubbles nicht bieten. Der Rückgriff auf die Vormoderne, um negative Entwicklungen zu erklären, funktioniert hier ebenso wenig wie beim Aberglauben.

Der Erfolg der Integration der zunächst als Verlierer dastehenden Grossgruppen hat also nicht zu einer integrativeren, sondern zu einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft von individualisierten «Opfern» geführt. Der Fortschrittsoptimismus, mit dem diese Entwicklung einsetzte, hat sich – umrahmt vom grössten Wohlstand, den Gesellschaften je hatten – gewandelt in einen allumfassenden Pessimismus und das Fehlen einer Zukunftsperspektive – noch immer umrahmt vom grössten Wohlstand, den Gesellschaften je hatten. Es ist dieser letzte Punkt, der die Grenzen des modernen Denkens erahnbar macht: Antrieb der Moderne waren Ideen, wie die Zukunft aussehen sollte. Von der aufklärerischen Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit entwickelte sich die liberale Idee der individuellen Rechte und Freiheiten, die soziale Idee der Brüderlichkeit, aber immer auch eine konservative Idee des Bewahrens. Keine dieser Ideen verfügt heute in den Augen der Opfergruppen über genügend Überzeugungskraft, zu viele ihrer Elemente gelten als gescheitert oder als verursachendes Element der aktuellen Misere.

Die post-Theorien

Wissenschaftstheoretisch werden diese Entwicklungen in den post-Theorien verhandelt: Postmoderne, Poststrukturalismus, Postkolonialismus, postmigrantische Gesellschaft und weitere post-Ansätze. Wir leben wissenschaftlich im Zeitalter des Postulismus. Dieses post steht für das Überwinden von etwas, das vorher als bedeutend, einheitlich und wahr gedacht war und kaum hinterfragt wurde: Die grossen Erzählungen, Theorien und Ideologien der Moderne wurden durch postmoderne Ansätze dekonstruiert, die globalen Modelle des Strukturalismus durch den Poststrukturalismus demontiert, die Linearität von traditionell und modern, eigen und fremd, primitiv und zivilisiert durch den Postkolonialismus desavouiert. Alle diese post-Konzepte haben uns zweifellos geholfen, festgefahrene Perspektiven aufzubrechen.

Der Vordenker der Postmoderne, Francois Lyotard, hat als Erklärung für diese Entwicklung auf die wissenschaftliche Grundlagenkrise im späten 20. Jahrhundert hingewiesen. Damals wurde der Traum einer «mathesis universalis» verabschiedet, einer Universalmathematik, mit der alles erklärt werden könnte, was der Ordnung oder dem Mass unterliegt. Relativitätstheorie, Unschärferelation und Unvollständigkeitstheorem haben die Möglichkeit eines einheitlichen und universalen Wissens widerlegt, genauso wie die strukturalistische Hoffnung auf ein kulturelles Periodensystem gescheitert ist. Und weil die Wissenschaft das Leitmedium der Moderne und zugleich die Exponentin der entschiedensten Zukunftshoffnung war, hat diese Grundlagenkrise auf das gesellschaftliche Bewusstsein durchgeschlagen – das nun in dem Sinne nicht mehr modern ist, dass es in der Zukunft nichts Erstrebenswertes mehr wahrnimmt.

Die Wissenschaft hat mit diesen post-Dekonstruktionen eingesetzt in einer Zeit, als die grossen Systeme und Erzählungen noch fix und stabil erschienen, in den 1960er bis 80er Jahren: In der politischen Theorie und Praxis waren der Gegensatz von Kapitalismus und Marxismus, West und Ost bestimmend, in der Gesellschaft dominierten bürgerliche Normen und Geschlechterrollen, in der Kultur war die Bildungskultur unangefochten. Die Wissenschaft begleitete mit ihren neuen Ansätzen die zunehmenden Brüche in diesen Erzählungen, sah sie (nur selten) voraus, war selber Teil des Bruches oder reagierte darauf, wenn etwa unser Fach den Siegeszug der Populärkultur verfolgte oder die Gender Studies sich mit den Geschlechterverhältnissen auseinandersetzten.

Entscheidend für die Sichtweise unseres Faches wird in dieser Zeit die Tatsache, dass Kultur nicht mehr als primär fixierendes Merkmal gesehen wird, sondern als das, was wir im Rahmen der uns gesetzten Möglichkeiten tun. Wir sprechen von einem praxeologischen Ansatz, der das Handeln, die Agency der Menschen ins Zentrum rückt. Die Analyse des handelnden Menschen in seiner körperlichen Verankerung, seiner sozialen Routine, seiner mentalen Struktur und seiner materiellen Umwelt ist seither das Zentrum unseres Zugangs.

Kultur in unserem Sinne steht daher auch nicht neben Begriffen wie Politik oder Wirtschaft, sondern dient als methodisches Werkzeug mit dem Ziel, die symbolischen Ordnungen und kulturellen Codes, die Sinngebungs- und Sinndeutungsprozesse der Menschen zu verstehen.

Doch wir stellen mit Erstaunen fest, dass sich nun alle als Opfer sehen. Die Handlungsmacht des einzelnen Menschen, welche die neueren Theorien besonders intensiv untersuchen, wird als praktisch inexistent angesehen. Nun, da alle oben erwähnten gesellschaftlichen Entwicklungen (Neoliberalismus, Individualisierung, Selbstermächtigungskonzepte etc.) das einzelne Individuum ins Zentrum ihrer Betrachtungen stellen, verschwindet paradoxerweise die Handlungsfähigkeit wieder aus der Argumentation sowohl der wissenschaftlichen Untersuchungen wie auch der verschiedenen Anspruchsgruppen. Vulnerabilität, Verletzlichkeit, wird zum zentralen Merkmal – ein erstaunlicher Rückfall in strukturalistische Denkweisen des 20. Jhs.

Ein zweiter wichtiger Fachbegriff neben Kultur wurde in dieser Zeit ebenfalls verflüssigt: Identität. In älteren Gesellschaften wurde die Identität des Einzelnen durch die Gruppe, das Gemeinwesen gerahmt, ergab sich durch das Eingebundensein in relativ fixe Strukturen und wurde auch wissenschaftlich so gefasst: als harter Kern des Selbst. In gegenwärtigen Gesellschaften hingegen muss das Individuum seine Identität in der Auseinandersetzung mit den vielfältigsten gesellschaftlichen Erwartungen entwickeln. «Du kannst alles werden!» lautet heute die Botschaft. Dies bedeutet eine ständige Konfrontation mit allen möglichen Identitätsentwürfen. Der Kern einer solchen Identitätsform wird als «Lernfähigkeit» beschrieben, als Fähigkeit, das, was uns als Individuen herausfordert, in neue Denk- und Handlungsmuster umzuschmelzen. Doch genau daran scheinen wir zu scheitern. Wir haben grösste Mühe mit der Bewältigung stets neuer Aufgaben. Wenn Komplexität zu Unübersichtlichkeit wird und Freiheitsgewinn zur Orientierungskrise, entstehen regressive Rückkehrwünsche in die «heile Welt» der unhinterfragten, fixen Identität, wie sie sich in der heutigen sogenannten Identitätspolitik manifestiert.

Von der Verflüssigung zur Erstarrung

Die post-Verflüssigungen von Kultur und Identität waren insgesamt von kurzer Dauer. Und so reiben wir uns die Augen, weil die Gesellschaft heute nicht mit diesen flexiblen Konzepten arbeitet, sondern nach einem kurzen Moment des Feierns von Durchlässigkeit, Hybridität und Öffnung auf allen Ebenen zu geschlossenen Systemen zurückkehrt. Zugehörigkeit wird wieder als fix definiertes Merkmal gesehen. Auffallend bei dieser Entwicklung ist die in vielen Bereichen festzustellende Fokussierung auf Körper und Biologie. Und das gerade auch bei Gruppen, die erst mit der zuvor erfolgten Befreiung von essenzialistisch-biologi(sti)schen Vorstellungen überhaupt sicht- und vernehmbar wurden. Obwohl zum Beispiel die Exponentinnen und Exponenten der Queer-Szene von sich behaupten, Identitätszwänge zu unterwandern, fördern sie immer wieder eine Fetischisierung biologischer Identitäten, welche die Individuen dabei unterstützt, körperlich mit ihrem «gefühlten» Selbstbild identisch zu sein, und propagieren Hormontherapie und Chirurgie. Und nur Schwule dürfen als Schauspieler die Rolle von Schwulen spielen, nur schwarze Übersetzerinnen schwarze Poetinnen übersetzen. Selbstverständlich sind nur Bio-Deutsche wirklich deutsch, nur Eidgenossen, deren Vorfahren schon beim Rütlischwur Programme verkauft haben, wirklich schweizerisch. Alt und weiss und männlich gelesene Personen wie ich sind ohnehin Rassisten und Machos. Mit der Behauptung, dass die Erfahrungen einer bestimmten Gruppe so einzigartig seien, dass sie von niemandem, der nicht zu dieser Gruppe gehört, nachvollzogen werden könnten, wird jede intellektuelle wie emotionale Auseinandersetzung mit Nicht-Gleichen in Frage gestellt – und damit Gesellschaft als solche zu denken, unmöglich gemacht.

Die Individualisierung befreit daher nicht nur, sondern führt zu neuen Zwängen, die sich überraschenderweise in fixierten Zugehörigkeiten ausdrücken, als wären wir zurück beim Evolutionismus des 19. Jahrhunderts. Praktisch alle Gruppen organisieren sich entlang von Kriterien, die als essenzialistisch angesehen werden können, als vorbehaltlos zu verteidigende Identitäten ethnischer, religiöser, nationaler, geschlechterbasierter oder anderer Art und stellen damit die Errungenschaften einer sich als offen verstehenden Gesellschaft in Frage – bis hin zu fundamentalistischen Immobilisierungen aller Art. Genährt wird diese Haltung von der Sehnsucht nach Ordnung und Übersichtlichkeit. Die Menschen greifen dafür auf jene Konzepte zurück, welche die Wissenschaft im 19. und 20. Jh. geschaffen hat.

Wie reagiert die heutige Wissenschaft darauf? Bis jetzt fehlen überzeugende Kultur- und Gesellschaftstheorien, die auf diese Herausforderung wie auch auf die Schwachstellen der post-Konzepte reagieren. Vielmehr haben sich viele post-Theorien selbst in essenzialistische Gebilde verwandelt, bewegen sich immer stärker vom Freilegen bisher vernachlässigter Perspektiven hin zu moralistisch-dogmatischen Glaubensbekenntnissen. Doch in dem Moment, in dem wir glauben, dass wir diejenigen seien, die besser, moralischer sind als Menschen an anderen Orten und zu anderen Zeiten, sind wir dem gleichen Dünkel der Überlegenheit verfallen wie unsere Vorfahren, die wir ach so «mutig» von ihren Sockeln gestossen haben. Glaubt jemand im Ernst, man werde uns in 200 Jahren weniger verurteilen – z.B. für unseren Umgang mit der Natur – als wir es heute mit Sklavenhaltern, Kolonialisten und Rassisten tun?

Die grossen gesellschaftlichen Trennlinien links, Mitte, rechts bzw. progressiv, liberal, konservativ greifen hier nicht. Das Erstaunliche ist, dass praktisch alle unabhängig von ihrer politischen Couleur im gleichen Denken vereint sind. Daher muss ich auch die Erklärung des Soziologen Andreas Reckwitz, den ich im Übrigen sehr schätze, zum Widerstreit der Kulturen zurückweisen: Er glaubt, dass in der Spätmoderne, wie er die Gegenwart bezeichnet, ein grundsätzlicher Widerstreit zwischen zwei konträr aufgebauten Regimes der Kulturalisierung** herrsche – zwei gegensätzliche Auffassungen darüber, was Kultur überhaupt bedeutet, zu beobachten seien. Auf der einen Seite – er spricht von Kulturalisierung I oder Hyperkultur – beobachtet er eine Kulturalisierung der Lebensformen in Gestalt von «Lebensstilen» (lifestyles), die sich in einem Markt kultureller Güter wettbewerbsorientiert verhalten, also um die Gunst der nach Selbstverwirklichung strebenden Individuen wetteifern. Die Kulturalisierung I wird vom globalen Kulturkapitalismus und dem Mittelstand getragen. Sie nimmt die Form einer Ästhetisierung des gesamten Lebensstils an, der persönlichen Beziehungen, des Essens, Wohnens, Reisens und des Körpers. Kulturalisierung I ist auf Vielfalt und Diversity geeicht. Auf der anderen Seite sieht Reckwitz ein alternatives Regime, die Kulturalisierung II oder den Kulturessenzialismus. Es handelt sich nach ihm um die Kultur der Identitären. Dies betrifft Felder der identity-politics** in den USA, die neuen Nationalismen in Russland, China oder Indien und generell fundamentalistische Bewegungen. Diese Kulturalisierung richte sich an Kollektive und baue sie als moralische Identitätsgemeinschaften auf. Sie arbeite mit einem strikten Innen-Aussen-Dualismus und gehorche dem Modell homogener Gemeinschaften.

Doch was Reckwitz als Praxis der Kulturalisierung II definiert, ist in Wirklichkeit zum Merkmal beider Gruppen geworden. Beide sind essenzialistisch, arbeiten mit einem strikten Innen-Aussen-Dualismus und gehorchen dem Modell homogener Gemeinschaften. Die Kulturalisierung I ist der kurzen Phase der Verflüssigung zuzuordnen und heute nicht mehr dominant.

Kultur ist nicht länger ein Spiel der Differenzen auf einem offenen Bewertungsmarkt, sondern modelliert die Welt in Form eines Antagonismus zwischen ingroup und outgroup. Der Prozess der Valorisierung verläuft nicht dynamisch und mobil, sondern arbeitet daran, die Eindeutigkeit der wertvollen Güter – der Glaubenssätze, der Symbole, der Leidensgeschichte der jeweiligen Bubble – nach innen aufrechtzuerhalten und zugleich gegenüber der Outgroup eine konsequente Devalorisierung zu betreiben – unabhängig von der politischen Couleur. Das gilt z.B. für die mit ihren Kindern lastenfahrradfahrende Donna Quichote, die fäusteschwingend im heroischen urbanen Kampf gegen die Auto-, Fussgängerinnen- und ÖV-Windmühlen antritt mit der Überzeugung, die Vertreterin der einzig richtigen Lebensweise zu sein, genauso, wie es für den hupenden und den Vogel zeigenden Agglo-Babyboomer gilt, der glaubt, die Stadt, in der er keine Steuern bezahlt, sei nur für die Durchfahrt seines SUV und für den Kindergartenpanzer seiner Gattin gebaut.

Welche Spaltung?

Reckwitz’ These lautet, dass sich viele der aktuellen Konflikte als solche des Widerstreits zwischen diesen beiden Kulturalisierungsregimes entziffern lassen. Er vertritt hier eine Cultural Clevage Theory, eine Theorie der kulturellen Spaltung. Die «Innovativen», «Kreativen», «Diversen» gegen die «Ewiggestrigen», die «Left Behinds». Auch der Politologe Bernd Stegemann stellt zu Beginn seiner Abhandlung über Populismus zwei «Hälften» der Bevölkerung in den Wohlstandsgesellschaften gegenüber, unterscheidet zwischen «kulturkosmopolitischen und kulturkonformistischen Wissens- und Aneignungsformen»: «Während die eine Hälfte ihre Umgangsformen verfeinert und den Alltag liberalisiert, ist die andere Hälfte wütend darüber, wie stark ihr Leben durch die Zwänge von Arbeit und Armut eingeschränkt ist.» Die «liberalen Eliten» und «Kosmopoliten» also vs. die «Globalisierungsverlierer», «Abgehängten», «Hillbillys», die «Anywheres» gegen die «Somewheres», das «soziale Oben» gegen das «soziale Unten». Doch diese Zweiteilung greift nicht nur zu kurz, diese Sicht ist ihrerseits mitverantwortlich für die Abneigung so vieler Menschen gegen diese Elite, zu der nicht zuletzt die so argumentierenden Intellektuellen gehören. In Wirklichkeit ist nichts «hinterwäldlerischer» als die sich als Elite gebärdenden «Kosmopoliten», die jeden von ihnen nicht akzeptierten Wortgebrauch sofort als Ausdruck von Sexismus, Rassismus und was auch immer diskreditieren und jede andere Meinung als unzulässig canceln, ganz so, wie es jeder Stammtisch in «Hinterwald» eben auch tut. Das Bild der zwei Kulturen und das Bild der kulturellen Spaltung trennen einmal mehr die Elite vom Volk, die Wissenden von den Unwissenden, wie schon seit der Aufklärung und mit der gleichen Rollenverteilung – das Volk ist schuld, sagt die Elite, deshalb wurde der Begriff desavouiert, auch in unserem Fach.

Aber: die Kulturalisierung II von Reckwitz, der Kulturessenzialismus, wird nicht einfach von unterschichtigen, ungebildeten Modernisierungsverlierern vertreten, sondern primär befeuert von Eliten, Thinktanks, dank der Globalisierung reich gewordenen Silicon-Valley-Milliardären, viele von ihnen ursprünglich neoliberal oder libertär, etwa von Elon Musk, Peter Thiel, Andrej Babiš, Silvio Berlusconi, der Familie Blocher oder den Partners Group-Gründern. Auch Medien wie das globale Murdoch-post-truth-Imperium spielen eine zentrale Rolle, die digitalen Kanäle erst recht. Auf die gleiche Weise wird die essenzialistisch erstarrte Form der Hyperkultur von sogenannten liberalen und linken Eliten urbaner Prägung propagiert.

Viele Menschen, die nicht politisch und medial engagiert sind, die dezidiert nicht zur Elite gehören, das erleben wir in unseren Forschungen immer wieder und das zeigt auch eine aktuelle quantitative Untersuchung,  vertreten sehr viel offenere, differenziertere und kompromissbereitere Positionen als politische, kulturelle und mediale Eliten jeglicher Couleur, finden sich aber medial und politisch kaum mehr vertreten, weil die deliberative Form von Öffentlichkeit, in der es um das bessere Argument geht, weitgehend verschwunden ist. Viele beteiligen sich auch deshalb nicht mehr an öffentlichen Diskussionen, weil sie befürchten, heftigst angegriffen zu werden, wenn sie etwas unvorsichtig formulieren, weil das Charivari droht.

Und warum sprechen wir überhaupt von «Populismus»? Auch hier erscheint das Volk in einem schlechten Licht, meint die Tumben, die Unverständigen, die sich von den Rattenfängern fangen lassen. Und wer sind die Rattenfänger? Doch nicht «das Volk»?

Dieser Widerspruch zwischen Verherrlichung und Ablehnung von Volk ist seit dem Beginn der Konstruktion «Volk» vorhanden, es wird gleichzeitig überhöht und als dumm angesehen, wobei das eine und das andere nicht immer auseinanderzuhalten sind. Man müsste daher vor allem das Verhältnis von denjenigen, welche die Macht haben, solche Begriffe und Theorien zu konstruieren, zu denjenigen, die mit den Begriffen bezeichnet werden, neu definieren. Mit anderen Worten: man müsste das «Volk» neu erfinden. Aber Volk bzw. Gesellschaft weiterdenken, gar neu denken, das fehlt den post-Theorien ebenso wie den Populisten und all den Opfergruppen. Sie sind derart absorbiert entweder mit Schuldzuweisungen an alle Generationen vor ihnen und alle Bubbles neben ihnen oder aber umgekehrt mit der Verherrlichung einer Vergangenheit, die es in dieser Form nie gegeben hat, dass die Zukunft aussen vor bleibt.

Das Banale als Basis der Erkenntnis

Ich komme zum Schluss: Die Moderne war erfolgreich, in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit und Einengung. Die Widersprüchlichkeit habe ich jetzt thematisiert, die Einengung meint die Länder des Westens. Die Moderne hat grossen Gruppen in diesen Ländern ein Leben in Wohlstand ermöglicht, wie es nie zuvor in der Geschichte der Fall war. Doch statt des Happy Ends einer glücklichen Gesellschaft (die vielzitierte «pursuit of happiness») kommt es zur Explosion der Ansprüche und der Erwartungshaltungen, zur Explosion der Ängste und der Wut. Die Moderne scheitert (wenn sie scheitert) also nicht an ihrem Misserfolg, sondern an ihrem Erfolg, dem Individuum zu immer mehr Möglichkeiten verholfen zu haben.

Und so ist unser Fach daran, die Perspektiven dieser unzähligen Bubbles zu erforschen. Mit der Nähe zu den Menschen immer der Gefahr ausgesetzt, deren Haltungen zu viel Sympathie entgegenzubringen, mit der im Laufe der Fachgeschichte entwickelten Reflexionsfähigkeit aber hoffentlich auch gewappnet, die nötige kritische Distanz einzuhalten.

In diesem Sinne hatte der ehemalige Rektor recht: Unser Fach hat keinen USP, weil es nicht auf eine spezifische Gruppe fixiert ist, er hat auch recht, weil sich unsere Sicht auf Kultur immer wieder verändert hat. Aber was das Fach auszeichnet: Es ist beharrlich mit den Bruchstellen und Reibungsflächen gesellschaftlichen Wandels der Moderne beschäftigt, aus der Perspektive derjenigen, die sich als Verliererinnen und Verlierer sehen, aber oft ihre Rolle wechseln, und indem es das Banale und Unbedeutende als Ausgangspunkt nimmt.

Der Begriff des «Banalen», diesen Hinweis verdanke ich Jens Wietschorke, stammt übrigens aus der Rechtsgeschichte; das altfranzösische Wort «ban» bedeutet deutsch «Bann» oder «Gerichtsbezirk». Die «banalen» Dinge sind diejenigen, welche allen Bewohnenden eines bestimmten Bezirks oder einer Gemeinde gemeinsam gehören, wie Allmendflächen, Wald oder Backöfen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde der Begriff zu einem Geschmacksurteil über das Gewöhnliche und Triviale (was wiederum Ausdruck einer arroganten elitären Sicht auf das Leben einfacher Menschen ist). Auf diesem Hintergrund lässt sich das Banale in der Tat als Kern unseres Zugangs erkennen, da wir uns für den gemeinschaftlichen Alltag der Menschen interessieren, dabei das Gewöhnliche als Ausgangspunkt nehmen, um aus dieser Mikroperspektive gesellschaftliche Prozesse zu analysieren.

Der Kampf für das Individuum ist seit Beginn der Aufklärung, um zum Ausgangspunkt zurückzukehren, immer auch mit der Vorstellung einer Gemeinschaft verbunden. Man kann über den Begriff des «Volkes» streiten, unbestreitbar ist aber, dass es eine Form der Vergemeinschaftung braucht. Statt über post-Zustände und über populistische «make someplace great again»-Phantasien nachzudenken, wäre es daher an der Zeit, in der Wissenschaft wie in der Gesellschaft Ideen für das Zusammenleben im post-post-Zeitalter zu entwickeln, Postulismus und Populismus zu überwinden.

Im Moment ist keine Lösung in Sicht, vor allem auch keine Gruppe, welche die Möglichkeit des community-Building durch einen zukunftsorientierten Wandel anstrebt. Vielmehr scheint die Fortschrittsidee per se in Frage gestellt. Denn nicht nur das einzelne „Selbst“ ist erschöpft, sondern auch die Gesellschaft. Und vielleicht entscheidender: wir haben auch die Natur erschöpft. Ob es sich um eine der vielen Krisen der Moderne handelt oder aber um einen endgültigen Bruch, muss ich allerdings offenlassen. Denn Prophezeiungen von Wissenschaftlern sind mit den gleichen Problemen behaftet wie die Frage, ob Freitag der 13. wirklich ein Unglückstag ist.