
Vortrag von Konstantin Klur (Sektion ZH/ISEK)
Mittwoch, 22. April 2026, 18:30 Uhr, ISEK, Affolternstrasse 56, 8050 Zürich, Raum AFL E-015
Die Veranstaltung ist Teil der Vortragreihe «Zukünfte (in) der Krise», unterstützt von der SAGW.
Grenzen des Denk- und Machbaren. Dynamiken der (Ent-)Politisierung in zeitgenössischen Arbeitskämpfen
Diagnosen der Entpolitisierung und Demobilisierung von Arbeiter:innen sind lange etabliert und diskutiert. Im Zentrum stehen dabei zumeist der Verlust von Machtressourcen einerseits, von Klassenbewusstsein und tragfähigen Vorstellungen besserer gesellschaftlicher Möglichkeiten andererseits. Doch warum und mit welchen Vorstellungen über Mittel und Ziele kämpfen Arbeiter:innen unter diesen Bedingungen der Entpolitisierung? Und findet in den Arbeitskämpfen eine erneute Öffnung verengter (arbeits-)politischer Möglichkeitsräume statt? Diesen Fragen soll im Vortrag anhand zweier Fälle nachgegangen werden: den Arbeitskämpfen ausgelagerter Reinigungskräfte eines süddeutschen Klinikums, die sich eine Wiedereingliederung in den öffentlichen Tarif erstreikten, und den Abwehrkämpfen von Produktionsarbeiter:innen mehrerer Standorte eines Autozulieferkonzerns, die Stellenabbau und Betriebsschliessungen zu verhindern versuchten.
Zwar sind die Kämpfe von der Ausgangslage geprägt: Für die Reinigungskräfte steht die Überwindung unmittelbarer Not angesichts schlechter Bezahlung und Arbeitsbedingungen im Fokus, für die Beschäftigten des Zulieferkonzerns der Statuserhalt angesichts von Stellenabbau und Betriebsschliessungen. Dennoch, so soll der Vortrag zeigen, greifen die Arbeiter:innen in ihren Kämpfen auf eine Vielfalt von Vorstellungen einer besseren Gesellschaft zurück, die sich mit dem marxistischen Historiker E.P. Thompson als «moralische Ökonomie» begreifen lassen und eine Ressource von Kritik und Widerstand in Zeiten der Desartikulation des Klassenkonflikts darstellen. Zugleich bleibt nicht nur der politische Gehalt dieser ‹Vorstellungen des Besseren›** beschränkt, sie geraten auch in Konflikt mit der geringen Handlungsmacht, die sich die Arbeiter:innen selbst zuschreiben. In den Kämpfen zeigt sich folglich beides: dass das Begehren nach einer besseren Welt nicht aus der Welt ist, dass die Möglichkeitsräume aber solchermassen verengt sind, dass kollektives Klassenhandeln zumeist auf unmittelbare Nahziele und die Abwehr von Verschlechterungen beschränkt bleibt, statt sich mit weitergehenden (arbeits-)politischen Zielsetzungen zu verbinden.
Ziel des Vortrags ist es, dieses Spannungsverhältnis verständlich zu machen und entscheidende Kräfte und Gegenkräfte der Politisierung von Arbeiter:innen zu diskutieren. Dabei sollen sich derzeitige Grenzen des Denk- und Machbaren ebenso herauskristallisieren, wie Spuren und Ansatzpunkte einer Überwindung dieser Grenzen.
Referent
Konstantin Klur ist seit 2021 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am ISF München tätig. Er arbeitet dort arbeitssoziologisch zu Themen betrieblicher Herrschaft und des Arbeiter:innenbewusstseins. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit Dynamiken der Möglichkeitsöffnung und -schliessung in gegenwärtigen Arbeitskämpfen.
Weitere Informationen
Eintritt: frei
Anmeldung: nicht erforderlich
Kontakt: Laura.Bäumel@uzh.ch