Monotoffel - Wie Kulturwissenschaft auf Spieleabend trifft

13. Oktober 2026

Ob Rösti, Stocki oder Pommes. Kartoffeln sind Teil unseres Alltags. Die Forschungsdokumentation zum Serious Game Monotoffel bietet einen Einblick über einen explorativen Forschungsprozess, der über Kartoffeldämme hinausgeht.

Im Rahmen des Seminars Politik auf dem Teller haben wir ein Netzwerk rund um die Schweizer Kartoffel untersucht. Die Ergebnisse haben wir in einem spielerisch-didaktischen Format, dem Serious Game Monotoffel, aufbereitet. Als Serious Game wird ein Spiel bezeichnet, das für mehr als «mere entertainment» [1] gedacht ist. Neben Spielspass steht also auch das nachhaltige Vermitteln von Wissen im Fokus.

Kartoffelproduktion als Beziehungsgeflecht

In diesem Beitrag fokussieren wir uns auf den Arbeitsprozess unseres Projekts und beschreiben, wie kulturwissenschaftliche Forschung mit alltäglichen Praktiken wie dem Spielen zusammenwirken können. Die inhaltlichen Erkenntnisse rund um die Kartoffel werden hier nicht konkret beleuchtet, sondern kommen vor allem beim Spielen von Monotoffel umfangreich zum Tragen.

Unter dem Motto trust the process liessen wir uns von Anfang an auf die visuellen Darstellungsmöglichkeiten des digitalen Tools Miro ein. Durch dessen sprachliche und räumliche Anordnungsmöglichkeiten der zahlreichen Aspekte zum Seminarthema haben sich unsere Interessen in Richtung politische Verflechtungen der landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen in der Schweiz bewegt. Diese wollten wir am Beispiel der Schweizer Kartoffel genauer untersuchen. Somit war der thematische Schwerpunkt und Ausgangspunkt unserer weiteren Forschungsarbeit gesetzt. Dabei konzentrierten wir uns auf die Beziehungen und Spannungsfelder zwischen ökologischen, sozialen und ökonomischen Aspekten. 

Die Schweizer Kartoffel – von der Produktion bis zur Konsumation – kann als Beziehungsgeflecht verstanden werden. Darin formieren sich Akteur:innen, die sich mit der Kartoffel entlang ihrer Nahrungsmittelkette beschäftigen, zu einem Netzwerk. Kartoffeln selbst haben durch Sortenvielfalt, Nährwerte, Standortpräferenzen, Marktwerte, Wachstumsverhalten, Krankheitsanfälligkeiten und viele weitere Eigenschaften ebenfalls Akteur:innencharakter.

Ökologische, soziale und wirtschaftliche Spannungsfelder

Folgende Forschungsfrage begleitete uns durch die weiteren Forschungsschritte:

In welchen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Spannungsfeldern bewegen sich Schlüsselakteur:innen entlang der schweizerischen Nahrungsmittelversorgungskette rund um die Kartoffel und wie können diese Spannungen in der Praxis verhandelt werden? 

Ausserdem arbeiteten wir von Anfang an aktiv auf die Umsetzung der Forschungsergebnisse als Serious Game hin. Der Titel Monotoffel ist mehrdeutig: Einerseits ist er eine Anlehnung an das bekannte Gesellschaftsspiel Monopoly, andererseits lehnt sich das Mono an die Bezeichnung Monokultur in der Landwirtschaft an. Und letztlich kann nur eine Kartoffel das Spiel gewinnen.

Nachdem wir zentrale Aspekte entlang der Wertschöpfungskette der Schweizer Kartoffel identifiziert hatten, zeichneten wir die Lebensphasen von der Saatkartoffelherstellung über die Kartoffelproduktion, dem Zwischenhandel und dem Handel bis zum Endverbrauch einer Kartoffel nach. Die Kategorisierung ebendieser Lebensphasen ist ein Produkt einer frühen Analyse aus Internetrecherchen und visuellem Brainstorming auf Miro. Diese ersten Informationen und Quellen wurden vorwiegend durch Online-Recherchen in öffentlich zugänglichen Dokumenten, Webseiten, Richtlinien, Statuten, Stellungnahmen und journalistischen Beiträgen gewonnen.

Bild 1: Visuelle Darstellung der Assemblage. Zusammentragung der Akteur:innen und deren Beziehungen auf dem Miro Board

Fragebogen ausgefüllt um 05:02 Uhr

Um über die Online-Recherche hinaus praxisbezogene Daten und konkrete Handlungsstrategien rund um die Schweizer Kartoffel zu erlangen, haben wir den Kontakt zu unterschiedlichen Expert:innen gesucht. Dabei haben wir versucht, möglichst unterschiedliche Aspekte des Kartoffel-Lebenszyklus einzubeziehen. So haben wir Vertreter:innen unterschiedlichster Organisationen wie zum Beispiel ProSpecieRara, den Schweizer Saatgutproduzenten-Verband oder die Vereinigung Schweizer Kartoffelproduzenten kontaktiert. Während der Kontakt hier erst telefonisch und dann per Mail ablief, durften wir auch persönliche Gespräche mit Personen aus der Gastronomie, dem Detailhandel oder einem Vertreter aus dem Zwischenhandel führen. Mit einem standardisierten Fragebogen haben wir unterschiedliche Perspektiven auf unsere zentralen Spannungsfelder systematisch erfasst. Uns war es wichtig, die Stimmen dieser Expert:innen auch im fertigen Serious Game sichtbar zu machen, weshalb wir Ausschnitte aus den Antworten als Zitate eingebaut haben. Bei Akteur:innen, mit denen kein Kontakt aufgenommen werden konnte,  haben wir online verfügbare Quellen zur Analyse hinzugezogen. Besonders geblieben ist uns das Engagement eines Landwirts, dessen Zeitstempel des Fragebogenuploads 05:02 Uhr am Morgen anzeigte. Allgemein ist uns aufgefallen, dass alle Expert:innen, die wir kontaktiert haben, positiv und offen auf unser Forschungsvorhaben reagiert und uns aktiv mit ihrem Wissen unterstützt haben.

Bild 2: Erste Analyseschritte auf dem Miro Board

Immer schön induktiv bleiben

Der Prozess von der Idee zum fertigen Spiel erfolgte nicht linear. Recherchen, Analyse und die Aufbereitung von Ergebnissen und Arbeit am Spieldesign erfolgten vor- und rückwärts und entsprachen damit ganz der induktiv-hermeneutischen Herangehensweise und damit den kulturwissenschaftlichen Gepflogenheiten. Die Ideen zum Spieldesign, aber auch die Auswahl an Quellen und Expert:innen aus dem Netzwerk haben sich im Laufe der Erhebungen und Analysen fortlaufend eingegrenzt und geschärft. Eine Herausforderung bestand darin, unsere Analyseergebnisse stets mit der Spielbarkeit zu vereinen.

Bild 3: Spielentwurf

Der Kern des Serious Games ist das Führen unterschiedlicher Verhandlungen rund um die Schweizer Kartoffel. Ergebnisse aus den Analysen wurden thesenartig zusammengefasst und stellen die Verhandlungsgrundlagen dar. Dazu haben wir ökologische Standards, soziale Bedingungen und wirtschaftliche Voraussetzungen (‘Öko’, ‘Sozi’ und ‘Cash’) als Punktesystem und damit als Rahmung für unseren Spielmechanismus festgelegt.

Link zum PDF der Spielanleitung

Am Verhandlungstisch

Die als Verhandlungsfelder markierten Bereiche auf dem Spielbrett stehen für die aus der Praxis gewonnenen Spannungsfelder, in denen sich die Spieler:innen anhand von Spieler:innenkarten mit herausgearbeiteten Agencies bewegen und handeln. Dazu stehen für die Spieldiskussionen unterschiedliche Optionen bereit, die wiederum auf unseren Analysen basieren. So stellt beispielsweise eine Verhandlungskarte die Spieler:innen vor die Wahl zwischen marktwirtschaftlich relevanten oder genetisch vielfältigen Kartoffelsorten. Die Spieler:innen müssen dann entscheiden, welche Vorgehensweise zu den jeweiligen Agencies ihrer Spieler:innenkarte passt. So hat die Stiftung für kulturhistorische und genetische Artenvielfalt dazu vermutliche eine andere Meinung als der Grosshandel. Auch wenn es am Schluss nur eine:n Gewinner:in gibt, müssen die Spieler:innen nicht nur gegen- sondern auch miteinander spielen. Wenn sie nicht kompromissbereit sind und sich bei den Diskussionen nicht einig werden, gibt es Strafpunkte. Ausserdem gewinnt nicht die Person mit den meisten Punkten, sondern jene, die am ausgewogensten (sichtbar durch das Verhältnis von Öko-, Sozi- und Cash-Punkten am Spielende) gespielt hat. Es ist also nicht nur Überzeugungskraft gefragt, es müssen auch strategische Entscheidungen getroffen werden, ob nun für ökologische Standards, soziale Bedingungen oder wirtschaftlichen Gewinn argumentiert werden soll.

Würfeln durchs Kartoffelleben

Neben den etwas anspruchsvolleren Verhandlungen können die Spielenden auch auf Ereignisfelder landen. Dort treffen Spieler:innen auf unterschiedliche (mal realistische, mal humoristische) Begebenheiten im Kartoffelleben und können weiter fleissig Punkte sammeln – oder müssen diese abgeben. Mal ist der Kartoffelkäfer über die Ernte hergefallen (–1 Cash), dann hat ein Label ein Imageproblem (–1 Sozi), dafür geht ein Kartoffelrezept in den Sozialen Medien viral (+2 Sozi) oder die Kartoffel wird zum Gemüse des Jahres gekürt (+ 3 Sozi), woraufhin der Branchenverband das Schwingerfest sponsert (–3 Cash). Die Spieler:innen würfeln sich zwischen Verhandlungs- und Ereigniskarten bis zum Ziel und lernen dabei, sich in unterschiedliche Perspektiven rund um die Schweizer Kartoffel zu versetzen. So wird das Beziehungsnetzwerk und die darin verflochtenen Spannungsfelder spiel- und erlebbar.

Bild 4: Akteur:innenkarte
Bild 5: Ereigniskarte
Bild 6: Verhandlungskarte

Das vorgestellte Projekt Monotoffel ist im Rahmen des explorativen Seminars Politik auf dem Teller im Frühlingssemester 2026 entstanden.

Zitation

Delia Sackmann, Rahel Allemann , Monotoffel - Wie Kulturwissenschaft auf Spieleabend trifft, in: das.bulletin, 13.10.2026, URL: https://ekws.ch/de/bulletin/post/monotoffel-wie-kulturwissenschaft-auf-spieleabend-trifft.

Delia Sackmann

Delia Sackmann (geb. 1996) studiert Populäre Kulturen und Ethnologie im Bachelor am Institut ISEK an der Universität Zürich (UZH). Sie begeistert sich für Museen, deren Praktiken und wie durch die Strukturierung von Wissen gesellschaftliche und soziale Normen (re)produziert werden. 
Alle Beiträge

Rahel Allemann

Rahel Allemann (geb. 1990) studiert ebenfalls Populäre Kulturen im Bachelorstudiengang an der UZH und interessiert sich für historische und gegenwärtige Arbeits- und Lebenswelten und insbesondere für zeitliche als auch soziale Aushandlungen.
Alle Beiträge