
Vertraute Paarhufer – Alphirt:innen und ihre Tiere
Was spielt sich im Verlauf eines Alpsommers zwischen Hirt:innen und den von ihnen betreuten Tieren ab? Basierend auf fünf Telefoninterviews, werden Arten des Kommunizierens, des Kooperierens und des Kennenlernens zwischen Mensch und Tier auf der Alp beleuchtet. Mit Konzepten aus der kulturwissenschaftlichen Forschung zur Alpwirtschaft und Natur lässt sich nachzeichnen, wie Hirt:innen und Paarhufer im Verlaufe des Alpsommers zu einer gemeinsamen Einheit werden: Eine Herde.
Seit seiner Rückkehr ins Alpengebiet ist der Wolf ein grosses Thema in der Schweizer Politik. In den Diskussionen rund um das Tier spiegeln sich die vielfältigen Spannungen des alpinen Raumes wider, wobei es dabei meist um die menschlichen Akteur:innen geht, welche diesen bewohnen und bewirtschaften. Viele andere nicht-menschliche Akteur:innen rücken dabei in den Hintergrund. So etwa auch das Sömmerungsvieh, welches hauptsächlich als Opfer des Wolfes dargestellt wird. Die Beziehung zwischen Alphirt:innen und betreuten Tieren wird kaum thematisiert, obwohl sie ein integraler Bestandteil des Lebens auf der Alp sind.
Mithilfe von fünf Telefoninterviews mit Alphirt:innen (drei Männer und zwei Frauen) ging ich im Sommer 2024 genau dieser Beziehung auf die Spur. Die Befragten waren zum Zeitpunkt der Interviews mit unterschiedlichen Paarhufern auf verschiedenen Alpen unterwegs. Durch die qualitative Analyse ihrer Aussagen über Kommunikation sowie Beziehungen zu Herde und Einzeltieren, ergeben sich Einblicke zum Leben auf der Alp.

Alpine Beziehungsgeflechte und behufte Akteur:innen
In der kulturwissenschaftlichen Alpforschung wird der alpine Raum als sich stets wandelnde Kulturlandschaft beschrieben, in welcher sich ein dichtes Beziehungsgeflecht von menschlichen und nicht-menschlichen Akteur:innen bewegt. Dieses erscheint nach dem Konzept von Anna Tsing als eine «More-than-Human Sociality».[1] Tsing beschreibt damit Räume und Systeme, in denen menschliche und nicht-menschliche Akteur:innen sich bewegen und interagieren, ohne diese qualitativ voneinander zu unterscheiden. Diese Relationalität alpiner Welten lassen sich, wie es Nikolaus Heinzer vorgemacht hat, als soziomaterielle Netzwerke greifen.[2] Als solches beschreibt er die von ihm untersuchten «alpinen Schafswelten»[3] – oder in unserem Fall «alpine Paarhuferwelten».
Als theoretischer Hintergrund dient der Forschungsansatz der Multispezies-Ethnografie, welcher auf eine ganzheitliche Betrachtung sogenannter «multispecies assemblages»[4] abzielt, wie es diese alpinen Paarhuferwelten sind. Ausschlaggebend ist die angenommene Interdependenz zwischen Menschen und anderen Lebensformen, die auch diesen Betrachtungen zur Sömmerung zugrunde liegt. Diese erlaubt es, die Handlungsmacht aller Akteur:innen zu berücksichtigen, so dass man ihre jeweiligen Handlungen aufeinander beziehen kann. In anderen Worten: Die vorausgesetzte Agency der Paarhufer erlaubt eine möglichst symmetrische Betrachtung aller Akteur:innen. So werden aus den immer nur als Opfer dargestellten Paarhufern aktive Akteur:innen der alpinen Kulturlandschaft. Um dies zu gewährleisten, muss ein Forschungsfokus auf deren mitgestalterische Rolle gelegt werden, ohne dabei die Machtverhältnisse der vom Menschen dominierten Landwirtschaft aus den Augen zu verlieren. Die unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten müssen dementsprechend in den jeweiligen Kontexten stets differenziert betrachtet werden.
Komponieren und Kommunizieren
Den gesamten Alpsommer über interagieren die Hirt:innen auf begrenztem Raum in alltäglichen Praktiken der Pflege, des Fütterns und des Weidwechsels mit ihren Paarhufern, wodurch auch körperliche Nähe entsteht. In den Interviews werden vermehrt Momente der medizinischen Behandlung erwähnt. Gewisse Praktiken können die Beziehung auch belasten, wie etwa das Verabreichen einer Spritze. Dabei sei das Vertrauen der Tiere ihren Hirt:innen gegenüber besonders wichtig, da das Mitwirken der Paarhufer für einen gelungenen Ablauf zentral sei. Deshalb wird auch von Beginn des Alpsommers darauf geachtet, dieses zu fördern. Martin[5] erzählt davon, dass er auch Nahrung als Lockmittel verwende, um die Tiere «handzahm» zu machen. Die von den Tieren gesetzten Grenzen müsse man respektieren, da dies der Zusammenarbeit dienlich sei.
Das Pflegen der Vertrauensebene zeigt sich auch bei Katharina und den von ihr betreuten Rindern: «Dann probiere ich über den Alpsommer hinweg, dass ich an jedes Tier auch so nah wie möglich herankomme, weil mir das einerseits sehr hilft, auch für die Behandlungen und beim Einstallen ist es sehr wichtig, dass man diese Vertrauensebene hat.» Dieses Hervorheben der Kooperation der Tiere weist auf die Reziprozität der Beziehung hin.
Im Rahmen der Domestizierung tritt eine von gegenseitiger Abhängigkeit geprägte Beziehung zwischen Mensch und Tier hervor. Das Vertrauen der Tiere wird zu einem fast notwendigen Werkzeug für die Hirt:innen und den Alltag auf der Alp. Es ist die Grundlage des sogenannten Komponierens[6] mit der Herde – durch das Zusammenkommen verschiedener Kleingruppen keine leichte Aufgabe. «Anfangs Sommer bekommst du zehn oder fünfzehn oder auch nur fünf einzelne Grüppchen und es ist schwierig, die so weit zu bringen, dass sie dir alle nachlaufen», erklärt Karl.

Durch das Komponieren, welches alle Prozesse und Praktiken auf der Alp umfasst, wird auch die Handlungsmacht der Paarhufer greifbar, da sie die Zusammenarbeit bis zu einem gewissen Grad auch verweigern können. Die Möglichkeit des Widerstandes, hier von Ziegen, schildert auch Julia: «Wir müssen uns ein wenig mehr anpassen als mit den Schafen. Wenn die Ziegen nicht wollen, dann kannst du eigentlich nichts machen.» Nur durch die Kooperation der Paarhufer ist der reibungslose Ablauf der alpinen Praktiken überhaupt möglich.
Diese notwenigen Momente der Kooperation zeichnet das Verhältnis zwischen Hirt:innen und ihren Tieren als eine «companion species»[7]-Beziehung nach Donna Haraway aus. Es ist eine von Nähe geprägte Beziehung, welche sich in beide Akteur:innen einschreibt und insofern produktiv ist, als dass sie den Prozess der Herdenwerdung hervorbringt und die Praxis der Sömmerung ermöglicht.
Grundlegend für die alpine Kooperation ist die Kommunikation. Diese läuft mehrheitlich über die Körpersprache der Akteur:innen. Die Hirt:innen schildern, dass die Tiere sie nach einiger Zeit erkennen, vor allem wenn dieselben mehrere Jahre hintereinander von der gleichen Person betreut werden. Umgekehrt kenne man als Hirt:in im Verlauf des Sommers die Herde immer besser, was die Kommunikation erleichtere. Das betont auch Katharina, wenn sie über das Einstallen spricht: «Wenn ich möglichst zügig und mit Ruhe, mit Entspanntheit, die Tiere dorthin bringen kann, wo ich will. Das ist für mich das Zeichen, wir haben die gemeinsame Kommunikation gefunden. Ich muss ihre Sprache lernen und sie müssen meine Sprache lernen, jeder Mensch fuchtelt auch anders.» Das Sprechen zu den Tieren und das «Fuchteln» beschreibt auch Albrecht: «Ich rede mit ihnen auch, wie mit einem Hund. Wenn ich sie dann treiben oder zügeln muss, ist klar, ich sage jetzt wo durch. Ich mache es auf eine Art, da kannst du ihnen dann gut zeigen, wo es durch geht. Wenn es die Tiere nicht glauben, dann haue ich den Stock vorne in die Wiese hinunter oder hinten runter, das klappt manchmal.»
Ihren Willen mit Gewalt durchzusetzen, widerspricht den Motivationen der Hirt:innen. «Bei mir ist die Grundmotivation für meinen Beruf, dass ich Tiere unheimlich gerne habe, dass ich mich sehr gerne mit Tieren beschäftige und umgebe», erklärt etwa Karl. Wenn Gewalt angewendet werde, etwa ein Schlag mit dem Stock, dann werde dies nur sehr widerwillig getan, wie auch Albrecht in Bezug auf aus der Reihe tanzende Jungtiere erklärt.
In ihrer Beschreibung der Kommunikation mit ihren Tieren, beschreiben die Hirt:innen gleichzeitig auch einen Prozess des gegenseitigen Kennenlernens. Mehrere Interviewpartner:innen sprechen auch von Beziehungen zu einzelnen Paarhufern, wobei ihr Erzählen eine teils eine starke emotionale Bindung zeigt. Karl spricht etwa davon, dass er «Schätzlein» habe. Wichtig ist in diesen Schilderungen immer der Körperkontakt. Dieser entsteht oft bei Praktiken der Pflege, wie es Martin in Bezug auf das Melken seiner Schafe schildert: «Mit denen hat man noch die engere Beziehung, weil man die zwei Mal am Tag in den Händen hat.»
Auch ausserhalb der Pflege spielt Körperkontakt eine grosse Rolle. Die Paarhufer können sich ihren Betreuer:innen sowohl zuwenden wie entziehen, was ihren Status als Akteur:innen aufzeigt. Dies wird auch als aktive Entscheidung wahrgenommen, wie sich bei Katharina zeigt: «Mit manchen ist es sehr einfach, eine enge Beziehung aufzubauen und es gibt andere, die ich jetzt wirklich schon seit drei Sommern habe, die haben bis heute keine Lust auf Interaktion. Also die sagen dann auch ganz klar: Ne.» Die Tiere, welche sich über den Alpsommer den Berührungen entziehen, fallen auf und zu ihnen bestehe ein weniger «persönliches Verhältnis».
Verantwortung und Verluste
Die geschilderten Beziehungen sind auch von der Verantwortung der Hirt:innen ihren Tieren gegenüber geprägt, wodurch sie mit einem gewissen Druck verbunden seien. Die Angst, ein Tier zu verlieren, sei vor allem in der Anfangszeit sehr belastend. Die Paarhufer werden dabei sprachlich mit Kindern verglichen: «Und bei den Rindern, da spreche ich auch von meinen Mädchen. Ich rede manchmal auch über den Kindergarten.» Die Befragten begeben sich narrativ in die Position einer Erziehungsperson, indem sie ihre Verantwortung mit derjenigen von Eltern oder Lehrpersonen vergleichen – ein verbaler Ausdruck des Machtgefälles zwischen Mensch und Tier auf der Alp.
Das Wohlergehen der betreuten Tiere fungiert als Beweis dafür, dass die Hirt:innen ihre Arbeit gut machten. Der Verlust eines Tieres wird als eine grosse Belastung beschrieben, obschon er unvermeidlich sei. «Wir sind hier nicht auf dem Ponyhof. Ich gehe ein gewisses Risiko ein und es trifft mich aber trotzdem, wenn es passiert», wie es Karl formuliert. Wie damit umgegangen wird, ist individuell. Mehrfach wird betont, dass es wichtig sei, zeitnah über die Verluste hinweg zu kommen: «Ich kann nicht zerbrechen an jedem Tier, was ich verliere. Es gibt andere, die mich brauchen».

Herdenwerdung als Prozess
Die Herde als Einheit ist das Resultat der beschriebenen Praktiken und Beziehungen auf der Alp, der situierten und alltäglichen Wiederholung der alpinen Sömmerungspraxis. Alle Akteur:innen der Herde lernen miteinander umzugehen, zu kommunizieren und zusammenzuleben. Sie konstruieren darin, durch die beschriebenen (Kennen)-Lernprozesse, gemeinsam eine Form der Koexistenz, welche für die Alpwirtschaft grundlegend ist. Dieses Lernen von- und übereinander ist es, welches Hirt:innen wie Paarhufer zu Mitgliedern der Herde machen und den Prozess der «Herdenwerdung» prägt. Durch das aktive Komponieren lernen die Hirt:innen, wie sie eine Beziehung mit ihren Paarhufern aufbauen können, um mit ihnen zu arbeiten.
Auch zwischen den nicht-menschlichen AkteurInnen der Herde entstehen Lernmomente. Die Paarhufer müssen in ihrem Alpsommer die Praktiken und Codes der Herde genauso erlernen wie Hirt:innen.
Ausblick
Die Einblicke aus den Interviews erlauben Erkenntnisse, sind aber nicht mehr als ein erster Schritt in der Betrachtung dieser Beziehungen. Dennoch wird klar, wie vielschichtig diese sind. Will die Kulturwissenschaft die bestehenden und kommenden Herausforderungen für den alpinen Raum angehen, was ich für unumgänglich halte, liegt einer der Schlüssel dazu zweifellos in einem vertieften Verständnis des alpinen Beziehungsgeflechts.
Zitation
Charles Thormann, Vertraute Paarhufer – Alphirt:innen und ihre Tiere, in: das.bulletin, 29.09.2026, URL: https://ekws.ch/de/bulletin/post/vertraute-paarhufer-alphirt-innen-und-ihre-tiere.
