
Wenn Fleisch zum Skandal wird
Ob auf dem Teller oder als geliebter Partner: Wie wir Tiere wahrnehmen, bestimmt unseren moralischen Kompass beim Fleischkonsum. Eine diskursanalytische Spurensuche in den Schweizer Medien am Beispiel von Pferd, Kuh und Hund.
Im Januar 2013 erschütterte ein Lebensmittelskandal das Vertrauen der Schweizer Kundschaft: In Lasagne-Produkten der Einzelhandelskette Coop wurde Pferdefleisch nachgewiesen. Doch trotz Skandal und Empörung fielen die öffentlichen Reaktionen überraschend uneinheitlich aus – dieses Spektrum offenbart Ansätze einer Ambivalenz, die über das konkrete Lasagnedrama hinausgeht.
Sprache und Visualität beschreiben nicht nur, was gegessen wird, sie ziehen auch die sichtbaren Grenzen zwischen dem, was wie konsumiert werden kann und was nicht.
Das Pferd: geliebter Freizeit- und Lebenspartner, Topathlet und Fleischgericht mit Tradition
Das Pferd nimmt im Diskurs eine besondere Position ein, denn es bewegt sich zwischen mehreren, teils widersprüchlichen Klassifikationen. Diese Labilität demonstriert, dass Tierklassifikationen durch wiederholte sprachliche und visuelle Praktiken etabliert werden und situativ beeinflusst sein können.
Der Lasagne-Skandal von 2013 wurde primär durch die Nichtdeklaration des Fleisches ausgelöst – das moralische Problem war weniger das Pferd selbst, sondern dass es in der Lasagne versteckt wurde. Die Medien reagierten darauf unterschiedlich, doch keine thematisierten das Pferd als Tier. Ein Zeitungsartikel (SRF 2013) spricht von Systemversagen und Mangel an institutioneller Kontrolle, ein anderer (20Minuten 2013) beschäftigt sich mit der Menge des in der Lasagne enthaltenen Pferdefleisches – eine Ansichtsweise, die voraussetzt, dass eine Pferde-Lasagne akzeptabel wäre, solange Transparenz herrscht. Ein dritter Artikel fokussierte auf Konsumententäuschung und dass Pferdefleisch zur Streckung verwendet wurde, da es billiger als Rind ist (Tagesanzeiger 2013). Erst ein vierter verwendet das Wort Ekel explizit (Thurgauer Zeitung 2013). Gemein haben alle Berichte, dass sie keine Bilder von Pferden – ob lebend oder geschlachtet – zeigen – somit bleibt das Tier unsichtbar. Sichtbar ist als Header-Image immer die betroffene Lasagnepackung.

Nach dem Konzept der Matter out of Place [i] der britischen Sozialanthropologin Mary Douglas entsteht der Ekel hier nicht durch das Fleisch an sich, sondern durch das Unwissen der Verwendung. Das Pferd gehört in diesem Kontext nicht auf den Teller – die Reaktion markiert eine kulturelle Grenzverletzung.
Parallel dazu existiert ein zweiter Blickwinkel auf das Pferd, der es als Person und nicht als Produkt verortet. So würdigt ein Artikel ein alterndes Springpferd (SRF-Sport 2016), dessen Lebensabend als respektabler Ruhestand inszeniert wird – das Tier lebt weiter und wird lediglich dem Sport entnommen.

Ein anderer Bericht schürt durch den Abschied einer Pflegerin von einem Militärpferd gezielt Empörung über dessen anstehende Schlachtung (SRF 2017). Beide Tiere haben einen Namen, werden über ihre Leistungen charakterisiert und als Partner präsentiert, denen man ein fast schon menschliches Sein zuspricht.
Nach den beiden Philosophen Peter Singer [ii] und Tom Regan [iii] lässt sich daraus schliessen, dass das Pferd hier als leidensfähiges Subjekt sichtbar wird. Beide Zeitungsartikel verwenden diesmal Bilder der vorgestellten Pferde, was ihnen ein Gesicht gibt und emotionale Zuschreibungen direkt verknüpfbar macht.

Dem Skandal und Empathie-Diskurs folgt eine dritte, weitaus weniger emotional aufgeladene Darstellungsweise: Das normal deklarierte verkaufte Pferdefleisch wird als kulinarisches Erbe und Schweizer Tradition legitimiert. Dies ist eine klassische Recontainment–Strategie, dernach die Klassifikation verschoben wird, um das Pferd wieder in die Ordnung des Essbaren einzufügen. Berichte betonen beispielsweise die lange Geschichte des Pferdefleischkonsums und verwenden somit die Tradition als Legitimation (Swissinfo 2019). Die verwendeten Bilder zeigen Pferde auf der Weide oder in Koppeln, es gibt keine Darstellungen der Schlachtung oder der Verarbeitung. Das Tier wird zwar sichtbar, aber nur in einem unproblematischen Kontext in seiner Lebenswelt.

Ein anderer Artikel stellt die Frage: Wie viel Pferdefleisch essen Schweizer jährlich? (Watson 2019). Dies relativiert den Konsum bereits, da dies voraussetzt, dass er eine legitime, statistisch erfassbare Praxis ist. Hier zeigt sich ein foucaultscher Mechanismus, nämlich der der Normalisierung des Konsums. [iv] Was als normal erscheint, verliert seine Skandalqualität. Damit wird sichtbar, dass nicht die Natur des Pferdes ausschlaggebend ist, sondern die menschengemachten Grenzziehungen.
Die Kuh: symbolträchtiges Nationaltier oder perfektes Steak
Die Kuh nimmt im schweizerischen Diskurs eine paradoxe Position ein. Sie ist gleichzeitig allgegenwärtig und vollständig unsichtbar. Rindfleisch ist teuer, es wird entsprechend als besonders schmackhaft vorgestellt. Beispielsweise in Grillratgebern, im Zentrum steht die Frage: Wie grillt man das perfekte Steak? (vgl. Weber 2021). Das Fleisch wird als kulinarischer Lifestyle inszeniert, während das Tier überhaupt nicht präsent ist. Auch nicht auf Bildern: Diese zeigen goldbraune Fleischstücke auf dem Grillrost oder einem Teller.

Besonders teure Arten von Rindfleisch wie Wagyu werden nicht nur als Grillspezialität dargestellt, sondern als Delikatesse und Statussymbol (SRF 2020) – Berichte betonen die Marmorierung, Zartheit und Qualität des Fleisches. Ein Aargauer Bauer, der Wagyu-Rinder züchtet, tritt in den Medien als Produzent eines Luxusprodukts auf (Aargauer Zeitung 2018). Zwar wird das Rind in diesem Beispiel sowohl als lebendes Tier als auch als fertiges Konsumprodukt gezeigt. Dies aber nur um darzustellen, wie gut es gepflegt wurde, um sein Fleisch besonders schmackhaft zu machen. Dass ein Wagyu–Rind im eigentlichen Sinne ein Inzucht-Tier mit einem Genfehler ist, welches durch Fettablagerungen in seinem Muskelgewebe durch das blosse Herumstehen Schmerzen erleidet, wird nicht angesprochen (PETA 2024).
Sowohl die Grill-Ratgeber als auch die Wagyu-–Präsentationen teilen sich einen Kernaspekt bei der Bilderwahl: Entweder zeigen sie zufriedene Kühe auf der Weide und die typische Schweizerische Idylle (vgl. Schweizer Bauer 2021), oder sie zeigen das rohe oder gegrillte Fleisch in ästhetisierter Form.

Entsprechend ist die Abstraktion vollständig, das Rind wird nicht als Tier präsentiert, sondern als Fleisch-Potential. Die moralische Frage des Darf man das essen? stellt sich gar nicht erst, weil der Konsum absolut selbstverständlich ist. Aus foucaultscher Perspektive ist dies ein weiteres Beispiel für eine foucaultsche Normalisierung. Parallel zu dieser Darstellung existiert die Darstellung der Kuh als Symbol nationaler Identität und Kraft. Die Eringer Kampfkühe beispielsweise werden in Wettkämpfen inszeniert, in denen sie um den Titel der Königin konkurrieren (SRF 2021). Sie erscheinen in der Medienlandschaft als Athletinnen und wichtiger kultureller Marker im Wallis.

Ähnlich werden Alpabzüge dargestellt, bei denen hunderte von Kühen vom Berg herabsteigen, zumeist unter Führung einer besonders prächtigen Leitkuh, die ebenfalls als Königin betitelt wird.

Die Kühe sind hier Subjekte einer kulturellen Praxis, werden mit Glocken geschmückt und in Tourismuswerbungen gezeigt (Schweiz Tourismus 2023). Schönheitswettbewerbe für Kühe verstärken diese Tendenz weiter, eine Kuh kann so beispielsweise den Titel Braunvieh–Königin gewinnen (Bauernzeitung 2018). Die Kuh wird durch Sprache und Bild zu einem Subjekt mit Status und sie wird namentlich vorgestellt. Dass dieselben Kühe irgendwann auch gegessen werden oder Teil der Kälber- oder Milchwirtschaft sind, wird nicht angesprochen.
Donna Haraway würde sagen, dass sich Mensch und Kuh in einer gemeinsamen Welt begegnen, die durch Rituale und Anerkennung entsteht [v]. Sie konstituiert die Kuh zugunsten der kulturellen Verortung in der Schweiz als etwas anderes als Fleisch.
Beim Pferd erzeugt das Vorhandensein der verschiedenen Klassifikationen Spannung; bei der Kuh funktioniert die Spaltung durch strikte Trennung. Je majestätischer die lebende Kuh erscheint, desto unsichtbarer wird die Verbindung zum Fleisch.
Der Hund: Familienmitglied und Arbeitspartner
In der Schweiz ist der Konsum von Hundefleisch zwar legal, doch existiert keine Klassifikation als Nahrungsmittel. Stattdessen besteht eine absolute unverschiebbare moralische Grenze. Im schweizerischen Diskurs erscheint der Hund primär als Partner und Helfer (SKG 2021), er hat immer einen Namen und wird durch kulturelle Prägung implizit als Individuum eingestuft. Rettungshunde beispielsweise werden als Helden bezeichnet, Berichte zeigen, wie sie nach Erdbeben Menschen unter Trümmern aufspüren (SRF 2023).

Hunde werden als geliebte Vierbeiner dargestellt, für die Menschen Tausende von Franken ausgeben (vgl. Die Welt 2010). Bilder von Welpen aktivieren unmittelbar den Beschützerinstinkt, der Hund wird zum Subjekt der Liebe. Bemerkenswert ist, dass diese moralische Aufladung nicht aus dem Recht entsteht, da der Konsum von Hundefleisch legal ist. Die meisten Schweizer distanzieren sich aber von der Praxis und fordern sogar Verbote (vgl. Tages-Anzeiger 2014; Blick 2024). Berichte über diese Praxis werden, selbst wenn sie sich formal um Neutralität bemühen, mit drastischen Bildern illustriert – hier sind tatsächliche Bilder der Schlachtung zu sehen.

Die rechtliche Erlaubnis steht damit in starkem Kontrast zur gesellschaftlichen Ächtung: Der Diskurs macht den Hund ungeniessbar, nicht das Gesetz. Nach Peter Singer (2009) bedeutet dies, dass der Hund klar leidensfähig ist. Er ist ein Wesen, das Beziehungen zu Menschen eingeht, und sowohl evolutionär als auch kulturell als Teil der menschlichen Gemeinschaft.
Auf Basis dessen wird der Hundefleischkonsum im Ausland als moralischer Horror konstruiert. Zeitungsartikel zu dem Thema verwenden explizit Begriffe wie Grausam, Hundemetzger und Blutbad (20 Minuten 2020). Die hier verwendeten Bilder zeigen verstümmelte Körper, Blut und zu viele Tiere in zu kleinen Käfigen (Vier Pfoten 2020). Dieses aktiviert nicht nur das kognitive Wissen der Leser:innen, dass dies falsch ist, sondern auch körperliche Reaktionen wie Ekel und Entsetzen über eine fundamentale Grenzüberschreitung.

Mary Douglas’ Konzept der matter out of place kann hierzu ein weiteres Mal aufgegriffen werden: Das Hundefleisch ist nicht physisch und moralisch fehlplatziert, es verletzt die grundlegende Klassifikation von Freund vs. Nahrung. Ein dritter Diskursstrang zeigt Personen, die Hunde aus dem Fleischhandel befreien. Diese Umkehrung ist zentral, denn während die Hundemetzger als Verkörperung der Grausamkeit erscheinen, werden die Retter als Helden dargestellt (20 Minuten 2014).

Hier zeigt sich Stanley Cohens [vi] Konzept der folk devils and folk angels: Der Diskurs schafft Opfer (den Hund), Helden (die Retter) und Bösewichte (die Metzger). Diese Rollen ermöglichen es der Leserschaft, sich selbst als moralisch überlegen zu positionieren.
Die Hierarchie der Tierklassifikation
Die drei Tiere bilden keine Einzelfälle, sie zeigen ein System, dessen Ansätze sich in Form einer Pyramide der Sichtbarkeit darstellen lassen, in der jede Klassifikation einen anderen Konsum ermöglicht oder unmöglich macht. Moral entsteht nämlich nicht vor der Klassifikation, sondern durch sie:
Erste Ebene: Spaltung (Kuh) – Konsum ist möglich, weil Tier und Fleisch getrennt werden.
Zweite Ebene: Instabilität (Pferd) – Konsum ist verhandelbar und muss diskursiv stabilisiert werden.
Spitze: Absolute Grenze (Hund) – Konsum ist verpönt, weil die Klassifikation unverrückbar ist.
Die Grenzziehung zwischen der moralischen Vertretbarkeit von essbar und unessbar ist nicht in der Natur der Tiere, sie ist in Sprache, Bildern und Geschichten verankert. Sie könnte theoretisch verändert werden – aber nur, wenn die diskursiven Praktiken, die sie stabilisieren, sich selbst verändern.
Zitation
Carina Rein, Wenn Fleisch zum Skandal wird, in: das.bulletin, 16.09.2026, URL: https://ekws.ch/de/bulletin/post/wenn-fleisch-zum-skandal-wird.
