Wenn Häuser und Landschaften erzählen

Was haben eine Wiese, ein Tramdepot und ein Zweifamilienhaus gemeinsam? An ihrer Stelle standen Bauten, die ins Freilichtmuseum Ballenberg versetzt wurden.

In den letzten 100 Jahren hat sich die Schweiz stark verändert. Gerade in ländlichen Gebieten gingen Bauerndörfer in Agglomeration oder Städten auf, wurden zu Tourismus-Hotspots oder verödeten. Rund 100 Bauten entzog man der Entwicklung ihrer Herkunftsorte, als man sie ins Freilichtmuseum Ballenberg versetzte. Bei diesen Translozierungen wurden ihre Baugeschichten durchleuchtet. Die wechselseitigen Einflüsse, die Häuser, Menschen und die Entwicklung der Gemeinden aufeinander ausübten, blieben jedoch weitgehend unbeachtet.

Wiese im Tessiner Dorf Cugnasco. Bis ins Jahr 2000 standen hier drei Wohnhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Im Jahr 2000 wurden sie ins Freilichtmuseum Ballenberg versetzt. Das an ihrer Stelle geplante Gemeindegebäude konnte nicht realisiert werden. Foto: L. Imhof 2023
Wiese im Tessiner Dorf Cugnasco. Bis ins Jahr 2000 standen hier drei Wohnhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Im Jahr 2000 wurden sie ins Freilichtmuseum Ballenberg versetzt. Das an ihrer Stelle geplante Gemeindegebäude konnte nicht realisiert werden. Foto: L. Imhof 2023
Freilichtmuseum Ballenberg, Wohnhäuser aus Cugnasco, Nordansicht. Die drei Gebäude erzählen vom Alltag Tessiner Bauernfamilien, der sich nicht nur in einem Wohnhaus, sondern einem Dutzend Bauten abspielte. Foto: Ballenberg, Freilichtmuseum der Schweiz 2011.
Freilichtmuseum Ballenberg, Wohnhäuser aus Cugnasco, Nordansicht. Die drei Gebäude erzählen vom Alltag Tessiner Bauernfamilien, der sich nicht nur in einem Wohnhaus, sondern einem Dutzend Bauten abspielte. Foto: Ballenberg, Freilichtmuseum der Schweiz 2011.
Depot der Genfer Verkehrsbetriebe in Lancy. Wo heute Trams rangiert werden, wurde einst Wein gepresst und Vieh versorgt. Die wachsende Stadt verdrängte den Bauernhof, sodass der zugehörige Mehrzweckbau 1984/85 ins Freilichtmuseum Ballenberg versetzt wurde. Foto: Adrien Coffinet, dit SenseiAC, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.
Depot der Genfer Verkehrsbetriebe in Lancy. Wo heute Trams rangiert werden, wurde einst Wein gepresst und Vieh versorgt. Die wachsende Stadt verdrängte den Bauernhof, sodass der zugehörige Mehrzweckbau 1984/85 ins Freilichtmuseum Ballenberg versetzt wurde. Foto: Adrien Coffinet, dit SenseiAC, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.
Freilichtmuseum Ballenberg, Mehrzweckgebäude aus Lancy, Südwestansicht. Das 1762 erstellte Gebäude wurde bis 1820 mehrfach erweitert und gehörte der Familie Guillierme. Sie waren Teil des aufstrebenden Bürgertums und wohnten in einem nahegelegenen Herrenhaus, während der Hof von Pächtern bewirtschaftet wurde. Foto: Ballenberg, Freilichtmuseum der Schweiz 2020.
Freilichtmuseum Ballenberg, Mehrzweckgebäude aus Lancy, Südwestansicht. Das 1762 erstellte Gebäude wurde bis 1820 mehrfach erweitert und gehörte der Familie Guillierme. Sie waren Teil des aufstrebenden Bürgertums und wohnten in einem nahegelegenen Herrenhaus, während der Hof von Pächtern bewirtschaftet wurde. Foto: Ballenberg, Freilichtmuseum der Schweiz 2020.

Ein Kurzfilm zeigt den Kontrast zwischen der Weiterentwicklung des ehemaligen Gebäudestandorts in Lancy und der Situation im Freilichtmuseum.

Film: Dr. Martina Schretzenmayr, Zürich (Idee & Konzept), Simona Casaulta-Meyer, Art&Design Solutions, Zürich (Projektmanagement), Freilichtmuseum Ballenberg (Projektpartner)

Gebäude im Bondertal in Adelboden. Die Erscheinung des Hauses erinnert an den Vorgängerbau, der 1968 als erstes Gebäude ins Freilichtmuseum transloziert wurde. Das hier gezeigte Haus diente zunächst als Wohnhaus, Ökonomiegebäude und touristische Gruppenunterkunft. Heute ist es ein Zweifamilienhaus. Foto: S. Kunz, 2020.
Gebäude im Bondertal in Adelboden. Die Erscheinung des Hauses erinnert an den Vorgängerbau, der 1968 als erstes Gebäude ins Freilichtmuseum transloziert wurde. Das hier gezeigte Haus diente zunächst als Wohnhaus, Ökonomiegebäude und touristische Gruppenunterkunft. Heute ist es ein Zweifamilienhaus. Foto: S. Kunz, 2020.
Freilichtmuseum Ballenberg, Bauernhaus aus Adelboden, Südwestansicht. Bei der Vermittlung im Museum steht das bäuerliche Leben im Berner Oberland, inklusiv der Herstellung von Spanschachteln in Heimarbeit im Vordergrund. Vermehrt wird nun die bislang vernachlässigte touristische Geschichte des Hauses als Massenlager in den Blick genommen. Foto: P. Betschart, 2021.
Freilichtmuseum Ballenberg, Bauernhaus aus Adelboden, Südwestansicht. Bei der Vermittlung im Museum steht das bäuerliche Leben im Berner Oberland, inklusiv der Herstellung von Spanschachteln in Heimarbeit im Vordergrund. Vermehrt wird nun die bislang vernachlässigte touristische Geschichte des Hauses als Massenlager in den Blick genommen. Foto: P. Betschart, 2021.
Workshop im Freilichtmuseum Ballenberg. Im Agora-Projekt «Hauswelten» werden Wege gesucht, Hausgeschichten im Spannungsfeld zwischen Freilichtmuseum und Herkunftsort digital und analog zu vermitteln. Foto: M. Wild, 2025.
Workshop im Freilichtmuseum Ballenberg. Im Agora-Projekt «Hauswelten» werden Wege gesucht, Hausgeschichten im Spannungsfeld zwischen Freilichtmuseum und Herkunftsort digital und analog zu vermitteln. Foto: M. Wild, 2025.

Im SNF-Forschungsprojekt «Mensch und Haus» untersuchten wir die genannten Aspekte an ausgewählten Häusern. Die im SAVk 2025/2 erschienen Artikel geben einen Einblick in unsere Ergebnisse. Sie berichten vom Wohnen in mehr als einem Haus im Tessin, von internationalen Netzwerken der ländlichen Elite in der Westschweiz und der stetigen Anpassung von Haus und Wirtschaft an den wachsenden Tourismus in Adelboden. Im Agora-Projekt «Hauswelten» werden nun Wege gesucht, die Ergebnisse digital und analog zu vermitteln.

Hier geht es zu der SAVk-Ausgabe.

Linda Imhof: Erben, Teilen, Bauen. Beobachtungen zu Besitz- und Wohnpraktiken im ländlichen Tessin des 19. Jahrhunderts. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde (SAVk), 2025/2, S. 23–43.

 

Oliver Rendu: Portraits des maisons de Villars-Bramard (VD) et Lancy (GE). Entre revendications politiques et évolution de l’identité familiale au temps de la Révolution. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde (SAVk), 2025/2, S. 45–63.

 

Stefan Kunz: Stube, Stall und Massenlager. Transformation bäuerlicher Lebenswelten in Adelboden zwischen Landwirtschaft und Tourismus. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde (SAVk), 2025/2, S. 65–86.

Zitation

Linda Imhof, Oliver Rendu, Stefan Kunz, Wenn Häuser und Landschaften erzählen, in: das.bulletin, 26.02.2026, URL: https://ekws.ch/de/bulletin/post/wenn-haeuser-und-landschaften-erzaehlen.

Linda Imhof

Linda Imhof hat in Zürich Kunstgeschichte und Mittelalterarchäologie studiert. An der Universität Basel promovierte sie im SNF-Projekt «Mensch und Haus». Sie arbeitete in verschiedenen Museen, zuletzt im Freilichtmuseum Ballenberg. Aktuell forscht sie an der Berner Fachhochschule zur Transformation des ländlichen Lebens im Mittelland und arbeitet selbständig im Bereich Denkmalpflege und Bauforschung.
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Oliver Rendu

Oliver Rendu studierte Geschichte, Archäologie und Denkmalpflege in Lausanne und Genf. Derzeit schliesst er seine Doktorarbeit im Rahmen des Projekts «Mensch und Haus» ab. Er war an verschiedenen Forschungsprojekten in den Bereichen Geschichte und Archäologie in der gesamten Westschweiz beteiligt. Aktuell arbeitet er als Archäologe im Kanton Waadt.
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Stefan Kunz

Stefan Kunz studierte Architektur und promovierte an der Universität Basel im SNF-Projekt «Mensch und Haus» im Bereich Kulturanthropologie. Er ist Co-Leiter des Interdisziplinären Netzwerks Raum & Gesellschaft der Hochschule Luzern (HSLU) und des CAS Baukultur. Er forscht und lehrt am Institut für Architektur der HSLU zu Themen der integralen Raumentwicklung und der Baukultur.
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