
Wir alle essen und dabei scheint näher, besser zu sein.
Auszug aus den Feldnotizen zum Interview mit B.M. am 22.11.2018:
Ich bin zu spät dran – viel Verkehr. Die Begrüßung ist locker und entspannt. Wir gehen in die Küche, große Eckbank, alte Kücheneinrichtung, viele Dinge stehen herum und hängen an der Wand. Es ist aufgeräumt, ich nehme dankend ein Glas mit Leitungswasser, setze mich auf die Bank. Sie beginnt gleich zu erzählen.
«Ich denke mir oft, am Anfang, wie ich da nach der Fastenkur im Geschäft gestanden bin, zum Einkaufen, und so, was kaufe ich jetzt? Wenn man dann anfangt lesen, mhm, das nicht, das nicht. Und, ah, oder auch sonst, das Pasteurisieren, das macht ja alles die Nahrungsstruktur kaputt. […] Ich habe gemerkt, es tut mir gut, und es hilft mir, ja und so ist das losgegangen, dann habe ich angefangen, schauen, dass man Obst, Gemüse, dass man das in der Nähe bekommt. Ich habe schon seit ganz vielen Jahren eine Bäuerin, die bringt mir sogar das Joghurt in Glasflaschen, mit Milch, also, bringt sie mir heim, das kann ich auswaschen, ich richte es her, sie nimmt es mit, sie bringt es mir gefüllt wieder. Butter vom Bauern, Käse vom Bauern, wie gesagt das Fleisch, auch irgendwie regional, vom Bauern oder von der Bauernkiste, da bestelle ich auch viel.» [ii]
Beim Essen scheint näher besser zu sein. Dieser alltagsweltlichen Beobachtung ging ich in der Analyse von insgesamt zehn Interviews nach, die von mir und einer Studierendengruppe in jeweils unterschiedlichen Settings geführt wurden. Zweierlei wurde dabei deutlich: Essen war noch nie so einfach wie heute: ein engmaschiges System stellt sicher, dass ausreichend und gutes Essen gekauft werden kann. Aber Essen war auch noch nie so kompliziert. Sofern es die Geldtasche erlaubt, stellt sich die Herausforderung, im engen Nebeneinander der Supermarktregale den richtigen Griff zu machen. Oder anders gesagt: Für das tägliche Essen muss angesichts komplexer und schwer zu durchschauender Strukturen – von Produktion, über Verarbeitung und Verkauf, mit vielfältigen Unsicherheiten umgegangen werden.
Die Interviewpartner:innen beschreiben, wie sie angesichts dessen Kauf- und Konsumentscheidungen treffen. Um eine Entscheidung zu begründen, verorten sie das Essen. Das heißt, sie verbinden das Obst, das Gemüse, die Milch mit geografischen, sozialen, historischen oder biographischen Kontexten. Im breiten Angebot kommt es damit zu einer Aufwertung der Produkte, sie werden zum besseren Essen. Diese nahrungsbezogenen Lokalisierungsprozesse – auf ganz unterschiedlichen Ebenen von der eigenen Nachbarschaft über Konzepte wie regionale oder nationale Küchen – stellen ganz allgemein Nähe her. Nähe zur eigenen lokalen Verortung, zur sozialen Position, zu Erfahrungswerten oder Wissensbeständen. Derart wird Nähe zu einem individuellen und flexiblen Gütekriterium, das es ermöglicht, Lebensmittel und Konsumstile zu beurteilen und daran anschließende Entscheidungen auf persönlicher Ebene zu treffen.
In ihrem Beitrag «Vom «Schlaraffenland in den Bergen», wo näher besser sei: Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Regionalisierung, Versicherheitlichung des Lebensmittelsektors und die Frage nach der richtigen Ernährung» in der aktuellen Ausgabe des SAVk (Schweizerischen Archiv für Volkskunde) 121:2 (2025) untersucht Nadja Neuner-Schatz wie Nähe als Kriterium der Güte herangezogen wird, um auf komplexe – auch moralische – Ernährungsfragen in der alltäglichen Ernährungspraxis zu reagieren und zeigt wie dies mit der Versicherheitlichung der Ernährungsfrage zusammenhängt.
Hier geht es zu der SAVk-Ausgabe.
Nadja Neuner-Schatz: Vom «Schlaraffenland in den Bergen», wo näher besser sei: Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Regionalisierung, Versicherheitlichung des Lebensmittelsektors und die Frage nach der richtigen Ernährung (SAVk/ASTP 121:2 (2025) 101-115.
Zitation
Nadja Neuner-Schatz , Wir alle essen und dabei scheint näher, besser zu sein. , in: das.bulletin, 19.04.2026, URL: https://ekws.ch/de/bulletin/post/wir-alle-essen-und-dabei-scheint-naeher-besser-zu-sein.
