
Politik auf dem Teller
Essen ist politisch. Was wir (nicht) essen, ist politisch. Wie wir essen, ist politisch. Aber was heisst das eigentlich – und wer entscheidet das? Im BA-Seminar Kulturwissenschaft Explorativ: Politik auf dem Teller an der Universität Zürich gingen Studierende der Populären Kulturen diesen Fragen aus ganz unterschiedlichen Richtungen nach. Die Studierenden wurden ermutigt, ihren eigenen Interessen zu folgen – und entdeckten dabei, wie weit der Begriff des Politischen reicht. Ausgegangen wird dabei von der Unterscheidung von der Politik als Regierungshandeln einerseits, und dem Politischen anderseits als fundamentale gesellschaftliche Dimension, die einen kulturellen Handlungsraum schafft, in dem sich jede:r Einzelne als entweder zugehörig oder aussenstehend begreifen kann. [i]
Die entstandenen Projekte sind methodisch und thematisch sehr vielfältig. Eine diskursanalytische Arbeit untersucht, wie Schweizer Medien über verschiedene Tiere berichten – wer wird als Freund, wer als Nahrungsmittel inszeniert? Und wann wird das Essen von Tieren zum Skandal? Ein Videoessay fragt, ob die toxischen Schönheitsideale der 2000er Jahre wirklich verschwunden sind – und analysiert dafür What I eat in a day-Videos und ihre Rezeption auf Social Media. Ein Serious Game lädt dazu ein, Schweizer Kartoffelproduktion aus verschiedenen Perspektiven spielend zu erleben und zwischen finanziellen, ökologischen und sozialen Interessen abzuwägen. Weitere Beiträge widmen sich dem Hungerstreik als politische Praxis in der Schweiz sowie der Vegan Straight Edge Szene – und der Frage, wie Ernährung und Subkultur zusammenhängen. Des Weiteren ist aus dem Seminar heraus eine Kunstausstellung entstanden, die den gleichen Titel wie das Seminar trägt. Sie schaut kritisch auf Konsum- und Körperkultur und zeigt Werke von lokalen und internationalen Künstler:innen. Die Ausstellung findet vom 16. bis 30. September 2026 in der Olivenhalle des ISEK an der Universität Zürich statt.
Die Beiträge können dem Forschungsfeld Anthropology of Food zugeordnet werden, welches sich insbesondere in jüngerer Zeit auch intensiv mit den politischen Verflechtungen von Nahrungsmittelproduktion beschäftigt. Dabei gibt es diverse Schnittstellen mit anderen Forschungsfeldern, wie den Animal Studies, den Subkultur Studies oder der Aktivismusforschung. Trotz der Heterogenität der Beiträge haben wir im Seminar stets versucht, Verbindungslinien zwischen den Projekten zu ziehen. Gemeinsame Nenner waren dabei der Körper und die Fragen: Wo sind welche (Tier)Körper sichtbar und wie wird darüber gesprochen oder geurteilt? Wann werden Körper politisch instrumentalisiert – und wann selbst zum politischen Instrument? Welche Wert- und Moralvorstellungen stecken hinter den untersuchten Konsumpraxen – und wer entscheidet eigentlich, was als gut oder normal gilt? In den gemeinsamen Diskussionen zeigte sich so immer wieder, wie das Politische als Dimension sich in dem zeigt, was auf dem Teller landet – oder nicht.
Im bulletin stellen die Studierenden ihre Projekte im Schwerpunkt Politik auf dem Teller nun einem grösseren Publikum vor und geben Einblicke in ihre unterschiedlichen Perspektiven auf das Politische des Essens.
[i] Rolshoven, Johanna. 2018. Dimensionen des Politlischen. Eine Rückholaktion. In: Dimensionen des Politischen. Ansprüche und Herausforderungen der Empirischen Kulturwissenschaft, herausgegeben von Johanna Rolshoven und Ingo Schneider. Berlin: Neofelis Verlag GmbH, S. 24.