
#2 Berge als Stimmungen erfahren. Ein Gespräch mit dem Musiker Albin Brun
Der Dezember zeigt sich von seiner besten Seite, als unsere Kolumnistin Magdalena Bucher den Musiker Albin Brun in Luzern trifft. Auch wenn er heute weniger Zeit in den Bergen verbringt, als er es sich wünschte, lassen viele seiner Kompositionen Bergwelten hörbar werden. Während sie sich unterhalten, spazieren sie zu den Ufern des Vierwaldstättersees und setzen sich auf eine Bank in die Wintersonne.
M.B.: Was siehst du vor deinem inneren Auge, wenn du an Berge denkst?
A.B.: Ich sehe nicht nur einen Berg. Ich bin so oft in den Bergen gewesen; es überlagern sich viele Bilder und Eindrücke. Sommer und Winter, Alpen und Felsen. In Luzern ist der Pilatus zwar der Berg. Aber ich bin an sehr vielen verschiedenen Orten gewesen und habe kein konkretes Bild. Es sind vielmehr Atmosphären, Stimmungen; es sind Steine, Gerüche, das Gras, Licht, die Sonne, die scheint, Flechten auf den Steinen, Bergseen, Hochebenen, Hänge, Schnee. Kein Dreieck, wie ein Kind es zeichnen würde. Es ist ein Gefühl, das sich aber nicht an einem Punkt, einem konkreten Ort verdichtet. Es gibt Leute, die ihr Leben lang auf den gleichen Berg gehen. Das ist bei mir nicht so. Ich habe überall gerne Berge.
M.B.: Es ist also nicht die eine Eigenschaft, von der du sagst: Das macht es aus, dass ich etwas als Berg oder Berglandschaft erkenne. Es ist eher das Zusammenkommen von unterschiedlichen Elementen und Erinnerungen...
A.B.: Ich könnte einen Berg schon als Erhebung beschreiben, aber: wann ist es ein Hügel, ab wann ist es ein Berg? Das wäre eine Definitionsfrage, genauso wie: welcher ist ein eigenständiger Gipfel und welcher nicht? Vor vielen Jahren hatte ich in einem Interview gesagt, ich hätte hunderte von Gipfeln bestiegen. Mein Vater las dieses Interview und meinte, das könne nicht stimmen. Daraufhin habe ich eine Karte genommen und gezählt, wo ich überall schon oben war – und es waren wirklich über vierhundert verschiedene Gipfel. Was mich an Bergen unter anderem reizt, ist die Aussicht. Das ist doch das Spezielle an einem Berg: der Weitblick erlaubt es, Orte zu sehen, die man von unten nicht sieht. Die Übersicht über die Täler und wie sie zusammenhängen. Das finde ich spannend. Und das hat mich immer schon auf den höchsten Punkt hinaufgezogen.
M.B.: Ist damit verbunden, was du vorhin angesprochen hast? Dass es nicht einfach ein Bild im Kopf ist, das sich abzeichnet, sondern dass es vielmehr Gefühle, Klänge oder Gerüche sind, die sich verdichten zu einer Stimmung?
A.B.: Ja, es hat viel mit eigenen Erlebnissen zu tun. Dieses Gefühl setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen: aus Licht, Gerüchen und Düften, und wie es tönt in den Bergen, aus der Luft, den Temperaturen, der Erinnerung an kalte Finger, frühmorgens auf dem Gletscher. Das sind ganz spezifische Eindrücke und Erlebnisse, die aus dem Alltag heraustreten. Ich lebe nicht in den Bergen. Und wenn ich dann in den Bergen bin, dann ist das immer etwas Besonderes – und das heisst, es ist nichts Alltägliches.
Manchmal denke ich auch, ich spüre die gewaltigen Kräfte, die bei der Entstehung der Berge am Werk waren, diese Urkräfte, die die Alpenfaltung bewirkt, die Berge aufgerichtet haben. Damit zusammenhängend ist es die Abwesenheit der Zivilisation – wenn ich wirklich in den Bergen bin und kein Haus, keine Leitung mehr zu sehen ist, wenn dieses Archaische, Unzivilisierte und Wilde hervortritt, das auf uns als westliche, zivilisationsgewohnte Menschen besonders wirkt. Es ist die Vorstellung, dass Menschen, die vor 5’000, vor 10’000 Jahren gelebt haben, ein ähnliches Bild vor Augen gehabt haben müssen. Das hat eine grosse Anziehungskraft.

M.B.: Mir gefallen diese Stimmungen, die du beschreibst. Ich finde sie auch als Begriff treffend, da sie eine musikalische Metapher sein können. Es fügen sich verschiedene Tonalitäten zusammen zu einer Stimmung, die nicht immer harmonisch sein muss, die aber einen Resonanzraum entfaltet. In deiner Musik schaffst du viele Bezüge zu Bergen oder zu Orten in Berglandschaften. Oft lokalisierst du mit den Titeln deine Musikstücke an bestimmten Orten. Was ist das für ein Verhältnis, die deine Musik mit den Orten verbindet?
A.B.: Es sind unterschiedliche Herangehensweisen. Ich habe eine CD gemacht, die heisst «Pilatus». Ein Berg aber tönt an sich nicht. Vielleicht hört man Steine hinunterfallen. Aber es geht vielmehr darum, was der Berg in mir auslöst. Es geht um die Atmosphären, die ich im Zusammenhang mit dem Berg spüre. Für «Pilatus» war es die Idee, verschiedene Plätze in irgendeiner Form zum Klingen zu bringen. Der Chastelendrossen, der ein markanter Felsen ist, musste etwas Kräftiges sein. Bei der Klimsen, wo die Kapelle steht, habe ich etwas Choralartiges gemacht. Bei Chretzen bin ich rein phonetisch vom «Kratzen» ausgegangen und habe etwas Kratziges gemacht. Und ich habe den «Kuhreihen vom Pilatus-Berg»[1] bearbeitet, weil der dorthin gehört. Beim Mondmilchloch bin ich in die Höhle gestiegen und habe die Tropfgeräusche aufgenommen, auch Alpendohlen habe ich aufgenommen. Sobald man Alpendohlen hört, löst das etwas aus, das hat viel mit den Bergen zu tun. Aber an sich ist diese Musik das, was ich empfinde, wenn ich auf den Berg gehe. Ein neueres Stück trägt den Titel «Schrattenflue»[2]. Während der Corona-Zeit haben wir eine Woche in Sörenberg verbracht, im Winter, und wollten eigentlich Skitouren machen. Aber für die Schrattenflue braucht es genug Schnee, weil der Karst voller Löcher ist. Und so konnten wir die ganze Woche nie da hoch, da die Verhältnisse nicht gut waren. Jedenfalls habe ich dann von unten, aus Sörenberg, immer auf die Schrattenflue hinübergesehen. In diesem Moment hatte das viel mit Sehnsüchten und Fernweh zu tun.
Die Musik lässt immer sehr viel offen und das ist das Schöne, es eröffnen sich vielfältige Assoziationsräume, die jede:r wieder anders füllen kann. Oft sind es die Gefühle von Weite, von Ruhe, abseits der Hektik, die mich ansprechen, obwohl das natürlich nur die eine Seite der Berge ist. Berge haben auch eine schroffe, gefährliche, wilde Seite. Meistens, wenn ich in die Berge gehe, setze ich mich nicht absichtlich den Gefahren aus, ich gehe nicht unter den widrigsten Umständen, sondern wenn es schön ist. Deshalb bespiele ich oft die liebliche Seite, die für mich mit dieser Sehnsucht und dem Fernweh zu tun hat und die im gleichen Zug auch ein Ausdruck einer gewissen Zerrissenheit sind. Es führt mir vor Augen, dass ich im Leben, das ich normalerweise führe, weit weg von diesem Ursprünglichen bin, das für mich Berge sind. Diese Entfremdung von der Natur ist für mich ein Thema.
M.B.: Wie komponierst du deine Bergmusik? Mit welchen Werkzeugen und Mitteln, mit welchen Instrumenten?
A.B.: Ich nehme nicht das Instrument mit und komponiere auf dem Berg. Ich habe einmal für einen Beitrag des Schweizer Fernsehens auf dem Berg gespielt. Für meine Platte «Pilatus» wollten sie, dass ich auf dem Berg spiele. Also habe ich das Saxofon mitgenommen und bei den Chilchsteinen gespielt. Aber eigentlich finde ich das nicht passend. In den Bergen braucht es keine Musik. Die Musik verklingt, der Klang verflüchtigt sich sofort – in diesen Dimensionen ist Musik so klein.
Einmal haben wir ein Konzert gespielt bei der Klimsenkapelle oben. Weil die Kapelle gerade renoviert wurde, war eine Lastenseilbahn installiert und wir konnten alle Instrumente, sogar das Schlagzeug, damit transportieren. Die Kapelle ist sehr abgelegen, die Leute mussten zu Fuss den Berg hochsteigen. Hinter der Kapelle ragt eine Felswand in die Höhe. Das war besonders, damit konnte ich spielen: Ich habe mich umgedreht mit meinem Saxofon und ein Echo entstand. So hat es Sinn gemacht.
Und das Schöne ist, dass mir viele Leute schon gesagt haben, dass sie diese Stimmungsbilder meiner Musik nachvollziehen können, sagen, dass sie sie auch fühlen. Ich kann beim Komponieren nur für mich sprechen, aber offenbar spricht die Musik auch zu anderen, die ähnliche Eindrücke dieser Stimmungen haben.
M.B.: Du bringst Bergwelten in der musikalischen Komposition deiner Stücke zum Klingen und machst diese Referenzen zuweilen über die Titel deiner Musikstücke oder die Namen deiner Gruppen explizit – zum Beispiel mit dem «Alpin Quintett» oder dem «Alpin Ensemble». Ausserdem spielst du neben dem Saxofon oft auch Schwyzerörgeli, ein Instrument, das eng mit Volksmusik verknüpft ist. Die Volksmusik inszeniert sich oft mit einem starken Bezug zum Ländlichen, Alpinen, Urtümlichen. Wie würdest du diese Verbindungen beschreiben; zwischen dem Alpinen und der Volksmusik und deiner Musik?
A.B.: Meine Musik ist genährt von der Volksmusik aber auch vom Jazz und der Improvisation. Ich habe schon eine bewusste Entscheidung für Bergmusik gemacht. Mit einer Nähe zum Alphorn zum Beispiel: das Alphorn ist – entgegen dem, was ich vorhin gesagt habe – ein Instrument, das gut in die Berge passt. Klar ist es ein Klischee. Aber in seinem ruhigen Klang und den limitierten Tönen passt es sehr gut in die Berge. Viel eher als zum Beispiel ein Schwyzerörgeli. Für mein Spiel habe ich mich immer ein bisschen am Alphorn orientiert. Das sogenannte Alphorn-Fa, das nicht genau das gleiche ist wie bei der lyrischen Tonleiter, zielt sofort in eine Richtung, die einen hohen Erkennungswert hat und zum Beispiel auch im Naturjodel vorkommt.
Die Musik entsteht zwar aus meinen Eindrücken, aber diese können auch kollektive Assoziationsräume eröffnen. Weil die Musik so offen ist, sie so viel zulässt, muss ich Referenzen herstellen, damit es nicht beliebig wird. Ich wähle also gewisse Skalen, Tonalitäten bewusst aus, und ziele auch mit dem Titel in eine Richtung, lasse aber bewusst offen.
M.B.: Wie also entsteht eine Komposition aus der Begegnung mit dem Berg? Wenn du im Fextal im Engadin oder in Sörenberg im Entlebuch bist und hinausblickst ins Tal: Macht es einen Unterschied, was du siehst, welche Formen sich vor deinen Augen ausgestalten, wie das Wetter ist, was passiert?
A.B.: Es ist gerade keine einfache Transformation. Das geht für mich nicht. Während ich komponiere, schaue ich nicht dauernd zum Berg. Die Komposition entsteht aus der Erinnerung, daraus, was ich erlebt habe: Vielleicht war ich am Tag davor auf dem Berg oben. Am nächsten Tag regnet es und ich sitze im Haus. Aber ich habe es in mir drin und ich bin dort, an diesem Ort, der Berg ist noch da. Aber eine direkte, konkrete Umsetzung ist es nicht. Für mich geht es um die Stimmungen und Atmosphären, die nachhallen.
M.B.: Gibt es ein bestimmtes Erlebnis, das deinen Bezug zu den Bergen geprägt oder verändert hat? Erzählst du eine Berggeschichte besonders gern?
A.B.: Ich habe viel erlebt in den Bergen. Auch gefährliche Sachen – denn ich war nicht selten leichtsinnig. Aber das ist nicht unbedingt, was ich weitererzählen will. Ich bin meinem Vater sehr dankbar, dass er uns in die Berge mitgenommen hat, von klein auf. Als wir das erste Mal auf den Pilatus sind, war das sehr prägend. Wir sind das Band hinauf, eine ziemlich exponierte Stelle, und ich hatte ein Seil um den Bauch. Am Ende bist du im Chriesiloch in einer Art Höhle, in gewisser Weise im Berg drin und dann kommst du durch das Chriesiloch hinauf und bist du oben und siehst auf die andere Seite. Das erste Mal auf den Pilatus zu steigen, war für mich eine Art Initiation und hat deshalb eine besondere Bedeutung.
M.B.: Würdest du sagen, dass die Art, wie du Musik machst, etwas mit dieser Erfahrung zu tun hat?
A.B.: Ich glaube es, ja. Ich bin an der Jazzschule gewesen mit dem Saxofon und habe Be-Bop, Charlie Parker, gespielt. Das sind hyperschnelle, sehr komplexe Stücke, in einem rasenden Tempo, zwei Harmonien pro Takt. Diese Musik passt zu New York, wo sie herkommt, aber das ist ein komplett anderes Lebensgefühl. Als junger Jazzmusiker habe ich dem nachgeeifert, aber irgendwann gemerkt, dass mir das nicht liegt. Ich habe sicher viel gelernt beim Spielen, hatte aber keine Freude daran. In der Natur zu sein, gibt mir Ruhe und die Klänge, die daraus entstehen, sind ganz anders. Ich habe eine gewisse Einfachheit, die ich pflege. Ich rechne die Musik, die ich mache, nicht mit der Logarithmen-Tabelle aus. In den Bergen zu sein, hat meine Persönlichkeit geprägt und natürlich auch die Art, wie ich Musik mache.
Ich glaube, es gibt auch Leute, die meine Musik nicht aushalten. Sie werden nervös von diesen langen, ruhigen Klängen. Bei mir ist das nicht so. Es hat etwas Meditatives. Genau wie das Gehen, das Wandern. Da komme ich automatisch in eine gewisse Ruhe hinein.
M.B.: Was wünschst du dir in Bezug auf Berge, was befürchtest du?
A.B.: Um die Berge mache ich mir keine Sorgen, denn sie werden noch da sein, wenn wir Menschen schon lange nicht mehr da sind. Das ist das Schöne. Wir Menschen, wir sind eine kurze Episode dieser Erde. Die Berge spielen in einer anderen Dimension.
Die Natur wird sich regenerieren. Ich mache mir eher Sorgen darum, welchen Schaden wir anrichten, was wir alles vergiften. Mit dem Klimawandel und dem schmelzenden Permafrost werden sich Bergwelten natürlich verändern. Aber die Berge kümmert es nicht, was wir Menschen tun.

M.B.: Du hast nun viel erzählt über Berge. Was erzählt der Berg dir?
A.B.: Er erzählt mir von anderen Dimensionen. Er erzählt mir, wie unbedeutend der Mensch ist. Wenn du am oder auf dem Berg bist, wird dir klar, dass der Mensch eine Randerscheinung ist. Die Auswirkungen, die sein Handeln haben, sind zwar markant, aber ein Menschenleben ist schnell wieder vorbei. Der Berg wird überdauern. Der Berg erzählt mir von diesen gigantischen Zeiträumen. Er erzählt mir von dem, was ich zu Beginn schon sagte: Wie er entstanden ist, sich aufgefaltet hat. Ich kann diese Schichten sehen und mir vorstellen und spüren, welche wahnsinnigen Kräfte das gewesen sein müssen. Das sind die Geschichten der Felsen. Ein Gletscher erzählt andere Geschichten. Wenn ich heute auf einem Gletscher bin, auf dem ich schon vor 40 Jahren war, dann ist das extrem und unglaublich: alles hat sich verändert, der Gletscher verschwindet und der Ort sieht ganz anders aus.
Ein Thema, das in letzter Zeit öfter aufkommt, ist, wie alles zusammenhängt. Es gibt Menschen, die sagen, der Berg sei auch ein Wesen. Für mich ist das nicht abwegig. Ich denke, es ist, was ich spüre, wenn ich in den Bergen bin. Vor allem wenn ich alleine unterwegs bin und sehe, was da kreucht und fleucht und wächst, und ich ein Teil bin davon und alles zusammengehört.
Das Gespräch mit dem Musiker Albin Brun wurde am 18. Dezember 2025 in Luzern aufgezeichnet.
Zitation
Magdalena Bucher, Theres Inauen, #2 Berge als Stimmungen erfahren. Ein Gespräch mit dem Musiker Albin Brun, in: das.bulletin, 19.01.2026, URL: https://ekws.ch/de/bulletin/post/2-berge-als-stimmungen-erfahren-ein-gespraech-mit-dem-musiker-albin-brun.

Magdalena Bucher
