«Fast ein Paradies» – Koloniale Bilder und ihre Wiederkehr in der Gegenwart

Was geschieht, wenn koloniale Fotografien nicht im Archiv verbleiben, sondern neu betrachtet, verändert und weitergedacht werden? Die Ausstellung «Fast ein Paradies» im Museum Rietberg zeigt, wie zeitgenössische Künstler:innen historische Bilder nicht nur kritisieren, sondern aktiv transformieren. Zwischen Erinnerung, Widerstand und Imagination entsteht ein Raum, in dem Vergangenheit nicht abgeschlossen ist, sondern in der Gegenwart wirksam bleibt und neu verhandelt wird.

Bilder, die bleiben

Fotografien gelten oft als Beweise. Als visuelle Zeugnisse dessen, was gewesen ist. Gerade koloniale Fotografien machen jedoch deutlich, dass Bilder nie neutral sind. Sie sind eingebettet in Machtverhältnisse, in Blickregime und historische Ordnungen, die bestimmen, wer gesehen wird und wie. «Fast ein Paradies» setzt genau hier an. Die Ausstellung versammelt zeitgenössische künstlerische Positionen, die koloniales Bildmaterial nicht einfach reproduzieren, sondern befragen, verschieben und neu erzählen. Dabei wird deutlich: Es geht nicht um eine Rückschau, sondern um Gegenwart. Sobald ein Bild aus dem Archiv geholt wird, beginnt es erneut zu sprechen. Es wird nicht nur gezeigt, sondern gelesen. Und dieses Lesen ist nicht unschuldig. Es ist geprägt von dem Wissen, das wir heute mitbringen, von den Bildern, die wir bereits gesehen haben, und von den Fragen, die wir stellen. Die Ausstellung macht diesen Prozess sichtbar. Sie zeigt, dass das Betrachten selbst Teil der Geschichte ist.

Archive als Ausgangspunkt, nicht als Ende

Ein zentrales Motiv der Ausstellung ist das Arbeiten mit dem Archiv. Viele der gezeigten Künstler:innen greifen auf historische Fotografien zurück, die während der Kolonialzeit entstanden sind. Diese Bilder dokumentieren nicht nur Menschen und Orte, sondern auch den Kontext ihrer Entstehung. Sie sind Teil eines visuellen Systems, das Differenz produziert und stabilisiert. In «Fast ein Paradies» bleiben diese Bilder jedoch nicht statisch. Sie werden geschnitten, überlagert und neu montiert. Sie erscheinen auf Stoff, Holz, in Filmsequenzen oder digitalen Collagen. Diese Verschiebung der Materialität ist entscheidend, weil sie die Fotografie von einem vermeintlich objektiven Medium in ein offenes Feld der Aushandlung überführt. Besonders anschaulich wird dies in einer raumgreifenden Installation aus hunderten fragmentierten Fotografien und handschriftlichen Notizen. Die Bilder sind in ein durchlässiges Raster eingeflochten, das sich wie eine Wand aus Erinnerung durch den Raum zieht. Einzelne Fragmente lassen sich erkennen, doch ein vollständiges Narrativ entzieht sich bewusst dem Zugriff. Das Archiv erscheint hier nicht als Ordnungssystem, sondern als brüchige, offene Struktur. Fehlende Archive, unterbrochene Genealogien oder fragmentierte Bildserien werden nicht ersetzt, sondern sichtbar gemacht. Hier knüpft die Ausstellung an Saidiya Hartmans Konzept der «critical fabulation» an. Hartman beschreibt damit eine Praxis, die historische Leerstellen nicht schliesst, sondern spekulativ erweitert [1]. Geschichte wird dabei nicht rekonstruiert, sondern imaginiert, ausgehend von dem, was fehlt.

Abb. 1: Installation mit archivierten Fotografien und fragmentierten Textträgern, Museum Rietberg, Ausstellung «Fast ein Paradies», 2026. (Foto: Serafina Andrew, 2026.)

Der Blick als Praxis

Was sich durch die Ausstellung zieht, ist eine konsequente Auseinandersetzung mit dem Blick. Wer schaut? Wer wird angeschaut? Und unter welchen Bedingungen? Viele der Werke reagieren auf den kolonialen Blick, der Menschen zu Objekten gemacht und in visuelle Ordnungen eingeschrieben hat. Anstatt diesen Blick jedoch lediglich zurückzuweisen, setzen die Künstler:innen ihm alternative Formen des Sehens entgegen. Sie verschieben Perspektiven, reinszenieren Körper und überlagern historische Fotografien mit neuen Bedeutungen. Eine grossformatige Fotocollage zeigt etwa Schwarze Körper, die in weitläufige Landschaften montiert sind, in denen sie historisch nicht hätten erscheinen dürfen. Die Figuren wirken zugleich präsent und verschoben, als gehörten sie in diese Räume und widersprächen ihnen gleichzeitig. Gerade diese Irritation macht sichtbar, wie sehr Zugehörigkeit visuell konstruiert ist. Dabei entsteht kein einheitlicher Gegenblick, sondern eine Vielzahl von visuellen Strategien. Manche Arbeiten sind konfrontativ, andere zurückhaltend. Manche dekonstruieren bestehende Bildordnungen, andere versuchen, sie zu reparieren oder umzuschreiben. Was diese Positionen verbindet, ist die Frage nach den Lesarten solcher Bilder und wie sich diese verschieben lassen. Der Blick erscheint hier nicht als gegebene Perspektive, sondern als Praxis, die erlernt und hinterfragt werden muss. Die Ausstellung fordert dazu auf, langsamer zu schauen, erneut hinzusehen und die eigene Wahrnehmung nicht vorschnell hinzunehmen.

Abb. 2: Collagen mit reinszenierten Körpern und Landschaften, Museum Rietberg, 2026. (Foto: Serafina Andrew, 2026)

Zwischen Gewalt und Möglichkeit

Koloniale Fotografie ist untrennbar mit Gewalt verbunden. Viele der historischen Aufnahmen dokumentieren Ausbeutung, Hierarchisierung und Kontrolle. Diese Dimension wird in der Ausstellung nicht ausgeblendet. Im Gegenteil, sie bleibt sichtbar und wirksam. In einer Porträtserie von Sasha Huber werden historische Darstellungsweisen aufgegriffen und zugleich unterlaufen. Die Figuren erscheinen in einer Ästhetik, die an koloniale Studiofotografie erinnert, doch ihre Präsenz ist selbstbewusst, frontal und kontrolliert. Die schimmernden Stoffe der Kleidung lenken den Blick gezielt auf die Porträtierten und verstärken ihre visuelle Präsenz. Die Bilder verschieben die ursprüngliche Blickordnung und machen deutlich, dass Repräsentation nicht nur reproduziert, sondern auch zurückgewonnen werden kann. Diese Verschiebung ist zentral. Denn wenn koloniale Bilder nur als Zeugnisse von Leid gelesen werden, verengt sich die Geschichte auf eine einzige Perspektive. Die Ausstellung zeigt stattdessen, dass selbst unter Bedingungen struktureller Gewalt komplexe Lebensrealitäten existierten. Die Abgebildeten erscheinen nicht nur als Objekte historischer Machtverhältnisse, sondern als handelnde Subjekte mit eigenen Perspektiven, Beziehungen und Ausdrucksformen. Diese Öffnung zeigt sich auch in afrofuturistischen und spekulativen Ansätzen, wie sie etwa von Ytasha L. Womack beschrieben werden. Womack versteht Afrofuturismus als Praxis, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander zu verschränken, um alternative Narrative und Möglichkeitsräume zu entwerfen [2]. In diesem Sinne werden Bilder zu Orten, an denen Zeit nicht linear verläuft, sondern gleichzeitig verhandelt wird.

 

Abb. 3: Porträtserie von Sasha Huber, die koloniale Bildästhetiken aufgreift und transformiert, Museum Rietberg, 2026. (Foto: Serafina Andrew, 2026)

Material, Körper, Erinnerung

Auffällig ist die Vielfalt der verwendeten Medien. Fotografien erscheinen nicht nur als Bilder, sondern als Objekte. Sie werden in Holz eingelassen, auf Stoff gedruckt oder mit anderen Materialien kombiniert. Diese Materialität verändert die Art und Weise, wie Bilder wahrgenommen werden. Einige Arbeiten wirken nahezu skulptural, andere erinnern an textile Archive oder familiäre Erinnerungsstücke. Gerade diese Verbindung von Bild und Material eröffnet neue Zugänge zur Geschichte. Sie macht deutlich, dass Erinnerung nicht ausschliesslich visuell, sondern auch körperlich erfahren wird. Besonders eindrücklich ist eine Wandarbeit aus seriell angeordneten Porträts, die in textile Träger eingebettet sind. Die einzelnen Bilder wirken wie kleine Erinnerungsfragmente, die sich zu einem grösseren, aber nie vollständig lesbaren Ganzen verbinden. Die Materialität verstärkt dabei den Eindruck, dass Erinnerung nicht linear funktioniert, sondern sich in Schichten, Wiederholungen und Verschiebungen organisiert. Bilder werden nicht nur betrachtet, sondern räumlich und haptisch verortet. Ebenso prägnant sind Arbeiten, die an persönliche Bildarchive anschliessen. Fotografien tragen hier Spuren von Zeit: ausgebleicht, überlagert, fragmentiert. Sie rufen Assoziationen hervor, die über den konkreten Ausstellungsraum hinausgehen. Plötzlich geht es nicht mehr nur um koloniale Geschichte, sondern auch um eigene Erinnerungen, um Familienbilder, um verlorene Geschichten und um das, was nie fotografiert wurde.

Abb. 4: Wandinstallation aus seriell angeordneten fotografischen Porträts, eingebettet in textile Träger, Museum Rietberg, 2026. (Foto: Serafina Andrew, 2026)

Ein Raum zum Verlernen

«Fast ein Paradies» ist keine Ausstellung, die Antworten liefert. Sie versteht sich vielmehr als Einladung, den eigenen Blick zu hinterfragen und gewohnte Sehweisen zu verlernen. Dabei bleibt sie bewusst offen. Anstatt mit Information zu überfordern, schafft sie Raum für Wahrnehmung, Reflexion und Erfahrung. Die Arbeiten stehen für sich, ohne sich gegenseitig zu überlagern. Diese kuratorische Entscheidung ist zentral, weil sie es ermöglicht, die einzelnen Positionen ernst zu nehmen und ihnen Zeit zu geben. Zugleich wird deutlich, dass es kein unschuldiges Sehen gibt. Auch der Versuch, «neutral» zu schauen, ist Teil eines spezifischen Blickregimes. Die Ausstellung löst diese Verstrickung nicht auf, aber sie macht sie sichtbar. Genau darin liegt ihre Stärke.

Fast ein Paradies?

Der Titel der Ausstellung wirkt zunächst ambivalent. «Fast ein Paradies» verweist zugleich auf Nähe und Distanz, auf einen Zustand, der angedeutet, aber nicht vollständig erreicht ist. Eine bewusste kuratorische Entscheidung, die sich durch die gesamte Ausstellung zieht. Denn «Fast ein Paradies» zeigt eben kein Paradies. Sie zeigt Fragmente, Brüche und Möglichkeiten. Sie macht sichtbar, dass Geschichte nicht abgeschlossen ist, sondern fortwirkt. Bilder bleiben nicht im Archiv, sie prägen Wahrnehmungen, Deutungen und Selbstverhältnisse, auch dann, wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Was hier entsteht, ist kein harmonisches Gesamtbild, sondern ein vielstimmiger Raum, in dem Vergangenheit nicht nur erinnert, sondern aktiv neu verhandelt wird. Die Ausstellung stellt damit keine abschliessenden Antworten bereit, sondern formuliert eine offene Frage: Wie wollen wir mit diesen Bildern weiterleben?

Zitation

Serafina Andrew, «Fast ein Paradies» – Koloniale Bilder und ihre Wiederkehr in der Gegenwart, in: das.bulletin, 02.05.2026, URL: https://ekws.ch/de/bulletin/post/fast-ein-paradies-koloniale-bilder-und-ihre-wiederkehr-in-der-gegenwart.

Serafina Andrew

Serafina Andrew ist Masterstudentin der Empirischen Kulturwissenschaft und Filmwissenschaft an der Universität Zürich. Sie forscht an den Schnittstellen von postkolonialer Theorie, Stadtforschung und Kulturanalyse. Ihr Fokus liegt auf der Untersuchung sozialer Ungleichheiten, biracial Identitäten und der Darstellung von Identität in visueller Kultur, insbesondere durch Fotografie. Zurzeit untersucht sie, wie Raum, Zeit und ästhetische Darstellung die Komplexität der Identitätsbildung in physischen und digitalen Räumen beeinflussen.
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